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Interview mit Peter Wilhelm (Bestatterweblog.de)

19.10.2010
"Web 2.0 und Weblogs machen es möglich"
Interview mit Peter Wilhelm (Bestatterweblog.de)
Eine Erfolgsgeschichte, Bestatterweblog.de

Der Bestatterweblog.de hat am 8. Oktober seinen 5.000. Beitrag gefeiert. Der Weblog möchte über die Themen Tod, Trauer und Sterben informieren. Wie kommt ein Bestatter dazu solch ein Medium zu nutzen? Über die Hintergründe und unsere Bestattungskultur sprach adeo-online mit dem Herausgeber Peter Wilhelm. Das Interview führte @Vinschen.


@Vinschen: Herr Wilhelm, seit 2007 ist Ihr Blog Bestatterweblog online. Wie kam es dazu?

Peter Wilhelm: Der Tod ist für jeden von uns unausweichlich, und dennoch verdrängen die Menschen dieses Thema und ein Teil von ihnen blendet es komplett aus. Sagt man aber irgendwo, dass man Bestatter ist, hat auf einmal jeder eine Frage. Also scheint ein gewisses Grundinteresse an dem sonst tabuisierten Thema da zu sein. Während meiner vielen Jahre als Bestatter habe ich eine Fülle von Begebenheiten und Erlebnissen verinnerlicht, die ich mir irgendwann auch mal von der Seele schreiben wollte. Die modernen Techniken (Web 2.0, Weblogs usw.) machen es möglich, schnell und unkompliziert mit einer großen Zahl an Lesern in Kontakt zu treten. Nimmt man nun beides, das latente Interesse am Tabu und den Erzähldruck auf meiner Seite, zusammen, dann hat man den Grund, warum es den Bestatterweblog gibt. Der Bestatterweblog ist also ein Ventil für mich ganz persönlich. Darüber hinaus soll es über den Berufsalltag des Bestatters informieren, das Thema Tod und Trauer enttabuisieren und den Menschen die Hemmungen nehmen, sich rechtzeitig mit dem Thema Tod, Trauer und Sterben zu beschäftigen.

Der Tod ist ein gesellschaftliches Tabuthema

@Vinschen: Erinnern Sie sich an die anfängliche Resonanz auf Ihren Blog? Was haben denn Ihre Freunde und Kollegen gesagt?

Peter Wilhelm: Vor allem Kollegen waren es, die in den Anfangsjahren nachts mit dem Auto durch unsere Straße fuhren und das Haus, in dem ich wohne, fotografierten. Es war weniger das Interesse am Blog, sondern die Neugierde, zu erfahren, welcher Bestatter da eventuell ein paar Rosinen mehr aus dem Kuchen picken möchte. Dabei habe ich zu keiner Zeit in meinem Weblog in irgendeiner Form für mich Werbung gemacht. Damit erst gar keine Irritation aufkommen konnten, habe ich von Anfang an als Kunstfigur „Undertaker Tom“ gebloggt. Was die Leser anbetrifft, so war das Leserinteresse von Anfang an recht groß. Das ist aber bei vielen neuen Angeboten so. Ich schreibe es vor allem meiner Beständigkeit zu, dass der Bestatterweblog heute einer der meistgelesenen und bekanntesten Weblogs im deutschsprachigen Raum ist.

@Vinschen: Am 8. Oktober haben Sie den 5.000. Artikel gefeiert. Eine wirklich stattliche Zahl. Wie kommen Sie an Ihre Themen?

Peter Wilhelm: Zähle ich die Artikel in meinen anderen Blogs dazu, dann sind es seit 2004 schon über 25.000 Artikel, das ist wahrlich ein Menge. Die Themen für den Bestatterweblog ergeben sich aus den erlebten Begebenheiten eines erfüllten Berufslebens und aktuellen Fragen. Das, was an Fragen von den Lesern an mich herangetragen wird, das, was eventuell auch gerade in den Medien diskutiert wird, das verknüpfe ich mit einer Begebenheit aus meiner Erinnerung und verpacke so fachgerechte Sachinformation in einen unterhaltsamen Überzug.

@Vinschen: Der Bestatterweblog hat ja eine richtige Lesergemeinschaft. Bei nahezu allen Artikeln finden sich diverse Kommentare. Die Themenvielfalt ist enorm und als Leser hatte ich den Eindruck, dass viele Menschen bei Ihnen Hilfe finden. Wie soll sich in Zukunft der Blog weiterentwickeln? Haben Sie da Ideen?

Peter Wilhelm: Das ist das Schöne am Bestatterweblog. Aus den Zigtausenden von stillen Lesern hat sich ein harter Kern an Kommentatoren herauskristallisiert, der sehr engagiert und kontrovers die verschiedensten Aspekte unserer Bestattungskultur diskutiert, und das erstaunlicherweise auf einem sehr hohen Niveau und ohne die sonst im Netz zu findenden Streitereien. Über das bloße Erzählen, Enttabuisieren, Aufklären und Informieren in meinen Geschichten hinaus leiste ich aber noch intensive persönliche Beratungsarbeit. Bei etwa 700 Zuschriften täglich nehme ich mir die Zeit, Fragen zu Bestattungen, Bestattern und Bestattungsrechnungen sorgfältig und einzeln zu beantworten. Etwa ein bis zwei Prozent der Zuschriften sind solche Anfragen. Neben dem Weblog gibt es ja eine Reihe mit Podcasts, die begleitende Audioinhalte zur Verfügung stellen; hier wird in Zukunft mehr geboten werden. Zum Blog gibt es Bücher mit ähnlichen Inhalten, die vorwiegend von denen gekauft werden, die nicht so stark im Internet verwurzelt sind. Außerdem gibt es noch das angeschlossene Bestatterwiki als Infopool und das Bestatterweblogforum als weitere Diskussionsplattform.

Die Frage nach der Weiterentwicklung stellt sich eher in Hinblick auf die Frage, wie das Ganze finanziert werden soll. Denn eins ist klar, jede Mühe verdient ihren Lohn und kein Mensch kann das alles als Gratis-Service anbieten. Hinzu kommt, dass ich bislang auf intensive Schaltung von Werbung verzichtet habe. Man muss also einen Weg finden, wie sich so ein Engagement finanziell rechnet, und man wird herausfinden müssen, welche der vielen gebotenen Zugriffsmöglichkeiten auf Dauer Bestand haben und welche verzichtbar sind.

Bestatter könnten viel besser zusammenarbeiten

@Vinschen: Wenn Sie das große Feld rund um die Bestatter, die Bestattungen und damit zusammenhängend unsere Gesellschaft betrachten, was sollte Ihrer Meinung nach verändert werden?

Peter Wilhelm: Wenn ich mir etwas wünschen würde, was in Zusammenhang mit Bestattern steht, dann wäre es, dass die Bestatter – abseits der Verbände – mehr zusammenhalten. Konkurrenz und Eigennutz in allen Ehren – die Bestatter sollten innerhalb eines gemeinsamen Marktes, also beispielsweise in einer Stadt oder einem Landkreis, zusammenarbeiten. Die Metzger können das doch auch, z. B. in ihren Innungen. Um wie viel leichter wäre die Argumentation gegenüber Kommunen und Friedhofsträgern, würde nicht jeder für sich kämpfen, sondern würden alle an einem Strang ziehen. Wie viel einfacher könnte die Arbeit sein, wenn Bestatter gemeinsame Telefondienste und Fahrdienste hätten. Aber da gönnt einer dem anderen das Schwarze unter dem Fingernagel nicht und so steht man oft sich selbst und sich gegenseitig im Weg. Das müsste nicht sein.

Würden die Bestatter darüber hinaus aus dem Dunkel ihrer Hygieneräume mal heraustreten und (eventuell gemeinsam) mehr an die Öffentlichkeit treten, sich nicht mehr hinter intransparenter Preisverschleierung verstecken, sondern offensiv werden, dann wäre vielen Menschen auch die Angst vor dem Unbekannten, dem Unerwarteten und dem Verborgenen genommen. Das wäre ein ganz wichtiger Schritt auf dem Weg zur Enttabuisierung des ganzen Berufsstandes.

@Vinschen: Herr Wilhelm, ich bedanke mich für das Interview.

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