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Am Ende Mensch – eine Überzeichnung

14.11.2012
Von Juliane Uhl, geschäftsführende Gesellschafterin conVela-Erinnerungskultur
Am Ende Mensch – eine Überzeichnung
BILD: H.P.Robinson

In den Medien ist Trauermonat. Der Tod als Thema findet sich überall, SpiegelWissen titelt „Abschied nehmen – Vom Umgang mit dem Sterben“, die ARD-Themenwoche heiißt „Leben mit dem Tod“, in der Wirtschaftswoche finden sich Artikel zum Umgang mit dem Tod eines Mitarbeiters – überall findet sich ein Thema wieder, das sonst gern unbesprochen bleibt. Palliativmediziner, Ethiker, Hospizmitarbeiter, Künstler, Psychologen – alle reden über den Tod und darüber, wie er sein sollte und wie er ist. Da wird geschrieben, was wir uns denken – dass das Sterben heute wahrlich nicht einfach ist. Dass die am Lebensende eingesetzten Medikamente Patienten nichts nutzten, wohl aber der Industrie. Haben wir verlernt zu sterben?

In der Kirche wurde von der ars moriendi gesprochen, der Kunst zu sterben. Gemeint war ein Weg durch verschiedene Stationen ins Jenseits, das mit positiver Energie auf den Menschen wartete.

Nun, da der Einfluss der Kirche und der christlichen Religion in unserer westlichen Gesellschaft zu einem großen Teil verschwunden ist, fällt dieser verlässliche Weg weg. Die  Einnahme des Lebensendes von Experten aus Medizin, Justiz und sterbebegleitenden Professionen hat den Menschen gleichwohl in eine neue Unmündigkeit geführt. Abhängig von den Möglichkeiten des Medikaments, des Apparates und der Lebensverlängerung haben wir am Ende keine Wahl.

Ja, es gibt Patientenverfügungen, doch wie oft verfügt der Mensch am Ende noch über diese. Oft schalten sich dann doch Angehörige ein, die nicht loslassen, die dem Leben nicht seinen Lauf lassen wollen. Oder Ärzte, die oftmals noch immer den Erhalt des Lebens dem Ende des Lebens vorziehen. Als gehörte es einfach nicht dazu. Sterben ist heute kein Prozess den man leben kann, sterben ist ein Akt, den es zu vermeiden gilt. Wir dürfen nicht altern, warum sollten wir dann sterben dürfen. Das Ende ist kein sinnvoll erreichtes Ziel, sondern ein Versagen.

Es gibt eine Fotomontage von H.P. Robinson, darin sieht man eine junge Frau, die umgeben ist von anderen Frauen, die vorlesen und stützen. Ein Mann ist auf dem Bild zu sehen, er sieht aus dem Fenster, der Sterbenden abgewandt, blickt er in den wolkenverhangenen Himmel. Die junge Frau stirbt an den Folgen einer Tuberkulose. Sie sitzt fast aufrecht, hat die Augen geschlossen, harrt der Dinge, die da kommen (werden). Das Bild heißt Fading Away. Verschwinden, Entschwinden kann man das übersetzen, ein leises von-Dannen-ziehen, ein ruhiges Hinwegdämmern.

Ist dies nicht eine wunderbare Vorstellung, dass das Sterben so sein kann? Die Voraussetzung dafür ist das Lassen, das Loslassen, das Unterlassen, das Sterbenlassen. Gian Domenico Borasio, führender Palliativmediziner, nennt es das „liebevolle Unterlassen“ (SpiegelWissen, Ausgabe 4/12, Seite 25), das er auch von Ärzten fordert.

„Wenn der Arzt feststellt, dass der Sterbeprozess eingesetzt hat, ist es seine Aufgabe, diesen Prozess zu begleiten, ohne ihn unnötig zu stören.“ (ebd.)

Ist das möglich, dass der Arzt aus seiner aktiven in eine passive begleitende Rolle übergeht?

Wir leben in einer technisierten Gesellschaft, in der alles möglich scheint. Wenn wir nun auch die Möglichkeit erhalten, menschlich sterben zu können, zu entschwinden, dann brauchen wir auch keine Diskussionen um Sterbehilfe oder Ähnliches.

Das Sterben liegt in der Natur des Menschen, wir sollten sehen, dass wir uns diesen Teil des Lebens zurück erobern.

 

Informationen:

Autorin – Juliane Uhl, geschäftsführende Gesellschafterin conVela-Erinnerungskultur

Der Text „Am Ende Mensch – eine Überzeichnung“ ist erschienen im Blog conVelaKultur

 

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