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„Darf ich Sie ablösen?“ Wie aus einer Sargschließung ein Ritual wurde

18.11.2014
Ein Blogbeitrag von Barbara Rolf
„Darf ich Sie ablösen?“ Wie aus einer Sargschließung ein Ritual wurde
Foto: Franziska Molina

Eigentlich wollten sie die verstorbene Ehefrau und Mutter nicht mehr sehen. Die Ereignisse der vergangenen Wochen, die dramatisch waren, hatten ihnen so zugesetzt, dass sie das Gefühl hatten, dem Anblick der Verstorbenen nicht gewachsen zu sein. Sie wussten, dass sie sich bis kurz vor der Bestattungsfeier noch anders entscheiden könnten. In der Nacht davor kam dann eine E-Mail: „Wir möchten und müssen sie nochmals sehen. Mein Vater möchte ihr auch noch etwas in den Sarg legen.“

Sie standen dann noch eine ganze Weile bei der Toten, hatten auch die engsten Freunde eingeladen, mit zum offenen Sarg zu kommen, sie sprachen mit ihr, wünschten ihr alles Gute, lachten sogar ein bisschen, während sie weinten. Dann signalisierten sie uns, dass der Sarg geschlossen und in die Aussegnungshalle gebracht werden soll. Sie waren schon auf dem Weg nach draußen, um ihre Trauergäste zu empfangen, als sich der Sohn nochmals umdrehte und sagte: „Ich möchte gerne dabei bleiben.“ Sein Vater: „Ich auch.“ Die Freunde: „Wir auch, wenn wir dürfen.“ Der Aufseher schaute mich etwas unsicher an, weil das auf diesem Friedhof nicht üblich ist und in dem Arbeitsgang hinter den Aufbahrungen gemacht wird, der sehr funktional und nicht gerade heimelig wirkt. Eigentlich haben Angehörige keinen Zutritt, und es wird recht streng darauf geachtet, dass keine Blicke hinter die Kulissen geworfen werden. Ich bat ihn, ihnen diesen Wunsch zu erfüllen, und er hat gleich eingewilligt. Noch ehe er nach dem Sargoberteil greifen konnte, hatte es der Sohn schon in der Hand und half mir bei der Sargschließung. Die Angehörigen schauten mir zunächst zu, wie ich die Schrauben ansetzte und begann, sie langsam zuzudrehen. Dann fragte mich der Sohn: „Darf ich Sie ablösen?“ Er weinte, als er die Schrauben eindrehte und sprach dabei mit seiner Mutter. Dann lächelte er und sagte: „Schau, Mutter, nun bin ich doch nicht Dein letzter Sargnagel geworden.“

Diese Familie hat mir wieder klar gemacht, wie wichtig es ist, auf diese „Kleinigkeiten“ zu achten, immer wieder abzufragen und genau zu prüfen, wer bei was einbezogen sein möchte. Wem gehört der letzte Blick auf den verstorbenen Menschen? Wer möchte der Sargschließung beiwohnen, wer möchte sie durchführen? Durch welche Handlungen können wir Menschen ermöglichen, zu begreifen, was geschehen ist, Situationen aktiv mitzugestalten und zu bewältigen, statt nur ohnmächtig daneben zu stehen?

Nachdem der Sarg zu und die Familie gegangen war, meinte der Aufseher: „Das war jetzt echt gut.“

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