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Die Kraft der Trauer – Wie wir Verlust und schmerzvolle Erfahrungen als kraftvolle Ressourcen für unser Leben nutzen können

15.07.2014
Ein Blogbeitrag von Barbara Rolf
Die Kraft der Trauer – Wie wir Verlust und schmerzvolle Erfahrungen als kraftvolle Ressourcen für unser Leben nutzen können
Foto: Franziska Molina

Es ist, wie es ist. Was wir nicht behalten können, müssen wir hergeben. Was wir nicht festhalten können, müssen wir loslassen.

Erster kleiner Hoffnungsschimmer in diesem düsteren Beitrag: Wenn ich etwas verloren habe, ist in meiner Hand Platz entstanden für Neues.

Dem Verlieren, dem Zerbrechen, Abschied und Trauer können wir nicht entrinnen. Wie wir darüber denken, wie wir damit umgehen, was wir daraus machen, das allerdings liegt wesentlich in unserer Hand.

Tod und Trauer erfahren wir nicht nur in Verbindung mit dem Lebensende eines Menschen, sondern immer wieder, in den unterschiedlichsten Lebensbereichen, im großen und im kleinen Stil. Unser Leben ist voll von Abschieden, voll von kleinen Toden. Heimatverlust, Krankheit, Beziehungen, die zerbrechen, Träume die zerplatzen, Projekte, die scheitern, ein Umzug, etwas, das wir verlieren.

Wenn wir verstehen, wie der Mensch auf solche Erfahrungen reagiert (wenngleich natürlich jeder auf seine ganz eigene Weise reagiert, aber „der Spur nach“ lässt sich so etwas doch beschreiben), dann können wir die Sterbe- und Trauerphasen in unserem Leben erkennen, annehmen und etwas daraus machen.

Ein Trauerprozess beginnt in der Regel mit dem Nicht-Wahrhaben-Wollen. Der Verlust wird verleugnet, man ist starr vor Entsetzen: „Das ist jetzt nicht wahr, das ist nur ein böser Traum, gleich wache ich auf, dann ist alles beim Alten.“ Diese erste Phase ist meist kurz, aber wichtig. Eine kleine Pufferzone zwischen mir und der harten Realität. Dann brechen Emotionen auf. Da geht es wild durcheinander, drunter und drüber: Trauer, Wut, Freude, Zorn, Angst und Rastlosigkeit. Oft kommt es zu Schuldzuweisungen, ebenso zu Schuldgefühlen. Irgendwann kommen wir an den Punkt, an dem es gelingen kann, sich geordneter, wenn auch noch immer hochemotional, mit dem Verlorenen auseinanderzusetzen. Wo bist du? Wer warst du für mich? Wer bist du für mich? Was ging verloren? Was bleibt? Welche Bedeutung hast Du jetzt noch für mich, für mein Leben, für meinen Weg? Ist das geklärt, hat der oder das Verlorene seinen neuen Platz, seine gewandelte Bedeutung für mich gefunden, kann ich mich wieder mehr mir selbst, meiner Welt und Wirklichkeit widmen. Geschwächt, gestärkt, weiser, reifer, klüger, sensibler, tiefer…

Diesen Trauerprozess durchlaufen wir – wenn auch in ganz unterschiedlicher Abfolge, Intensität und Dauer – viele hundert Mal im Laufe unseres Lebens. Auch dann zum Beispiel, wenn wir unseren Geldbeutel verlieren:

–          Das darf nicht wahr sein.

–          Hysterisches Lachen, Verzweiflung… Doch nicht heute, doch nicht gerade jetzt, und warum eigentlich immer ich? Verdammt noch mal, wenn mich mein Chef nicht so verrückt gemacht hätte, wäre das nicht passiert.

–          Was war denn drin, an wichtigen Karten, Unterlagen, an Geld? Wie erkläre ich das nur meiner Frau, die mir den Geldbeutel zum Hochzeitstag geschenkt hat… Wo hatte ich ihn denn das letzte Mal? Im Auto? Beim Mittagessen?

–          Ok. Der ist weg. Jetzt lasse ich erst mal die Karten sperren und schaue, was neu beantragt werden muss. Ich werde meine Frau bitten, mir zu helfen. Das wird sie sicher tun. Schön, einen Menschen an der Seite zu haben, der für mich da ist und auf den ich mich verlassen kann. Höchste Zeit, ihr das wieder einmal zu sagen. (Blumen mitbringen geht allerdings nicht; hab grad kein Geld.)

Abgesehen von den Momenten des Leugnens, der Depression und Resignation ist der Trauerprozess begleitet von unheimlich starken Gefühlen, von Überlebenswille, Kampfgeist, Energie. Diese können wir nutzen, „umwandeln“. Packe diese riesigen inneren Kräfte und verwandle sie in Leben. Nimm deine Liebe, deine Wut, deinen Schmerz, schau sie dir an, zeige sie und mache etwas daraus. Eine Trauernde beschrieb, wie das Loch in das sie fiel, zur Quelle wurde, aus der sie heute Kraft und Leben schöpft.

Viele Menschen haben genau solche Erfahrungen gemacht. Ihr Scheitern, ihr Fallen, ihr Ende wurde zum Anfang, zum Beginn des Großartigen, das sie erschaffen haben und wachsen ließen:

Walt Disney ging, bevor er mit seinen Figuren und Filmen zu großem Ruhm kam und die Welt zum Lachen brachte, durch schwierige, harte Zeiten. Das Geld ging ihm aus, Geldgeber fand er lange nicht, wurde verlacht und zurückgewiesen.

Eric Clapton schrieb anlässlich des Unfalltodes seines kleinen Sohnes das Lied „Tears in heaven“, das bis heute zahllose Menschen weltweit berührt und tröstet.

Fide Wolter gründete anlässlich des frühen Krebstodes seiner Frau die Margit-Wolter-Herzenskinder-Initiative, die vielen kranken und bedürftigen Kindern Freude schenkt und ihnen unter die Arme greift.

Stephen Hawking wurde, als er 21 Jahre alt und ein Noname war gesagt, dass er nicht mehr lange leben, sondern seiner unheilbaren Nervenkrankheit erliegen würde. „Plötzlich begriff ich, dass es eine Reihe wertvoller Dinge gab, die ich tun könnte, wenn mir ein Aufschub gewährt würde“, sagte er einmal. Vor wenigen Jahren wurde er 70, genießt Weltberühmt und –beliebtheit und gilt als der brillanteste theoretische Physiker seit Albert Einstein.

Dr. med. Franziska Tiburtius (geboren 1843) musste zum Studium nach Zürich gehen, da Frauen in Deutschland wegen geistiger Minderwertigkeit nicht zugelassen waren. Sie bestand mit sehr gut, erhielt jedoch in Deutschland keine Approbation. Ein Gerichtsbeschluss verbot ihr sogar das Führen ihres Doktortitels. Sie baute ihre Praxis in Berlin trotzdem auf und errichtete nebenher eine Poliklinik für arme Frauen, die für 10 Pfennig behandelt wurden.

Andreas Niedrig war drogenabhängig von 1980 bis 1989 und ganz unten. Heute ist er Spitzensportler, läuft die Ironman-Weltmeisterschaft auf Hawaii mit, referiert zu Suchtprävention und Motivationstechniken.

Winston Churchill hat es zeitlebens erfahren, gelebt und weitergesagt: „Erfolg haben heißt einmal mehr aufstehen als hinfallen.“ „Verloren hat nicht der, der hingefallen ist, sondern der, der nicht mehr aufsteht.“

Nicht nur diese „Großen“, sondern wir alle sind trauerfähig, wir sind in der Lage, ganz Leidvolles, ganz Schweres tu tragen. Das sollten wir verinnerlichen, um gewappnet zu sein für die Trauerzeiten, die kommen in unserem Leben. Es scheint im Menschen ein tiefes Wissen, ein Urwissen zu geben: Letztlich siegt das Leben, siegt die Liebe, siegt die Hoffnung. Immer wieder fangen wir neu an, bauen aus Schutt und Asche Großes, suchen in tiefster Finsternis den Funken Hoffnung, den Funken Licht – und finden ihn. In diesem „Trotzdem“ liegt eine gewaltige Kraft, auf die wir bauen, auf die wir uns verlassen können. Trauen Sie sich, Tod und Trauer ins Gesicht zu schauen, beweisen Sie sich selbst: Ich kann anerkennen, was ist. Ich kann annehmen, was ich nicht ändern kann – auch wenn es wahnsinnig wehtut. So ist das Leben. Ich bin dem Leben gewachsen – an den Sonnentagen und auch an den dunklen. Ich kann Handelnder bleiben, ich kann Ja sagen und Nein – immer noch. Ich stehe nicht ohnmächtig und gelähmt da, ausgeliefert denen, die mich in bestimmte Richtungen lenken wollen, die es, wenn ich Glück habe, gut meinen, aber nicht wissen können, wo es jetzt langgeht für mich. Das ist mein Weg. Den kann nur ich gehen. Und ich will das auch.

 

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1 Kommentar
  1. Jürgen sagt:

    Der Beitrag berührt mich und gibt mir Kraft !

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