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„Die meisten wissen nicht, dass nach Ablauf der Gräber die noch befüllten Urnen entsorgt werden müssen“

21.11.2012
Von Rita Capitain
„Die meisten wissen nicht, dass nach Ablauf der Gräber die noch befüllten Urnen entsorgt werden müssen“
Rita Capitain ist Inhaberin des Unternehmens Urnen das frEI, Atelier für Urnenkunst

Seit 2004 engagiere ich mich auf dem Spezialgebiet der ökologischen Urnenherstellung und Urnengestaltung (kein Metall und kein Plastik). Immer wieder weise ich darauf hin, dass den Menschen nach wie vor unverrottbare Urnen verkauft werden. Diese sind nach Ablauf der Gräber fast unversehrt und werden dann wieder ausgegraben und entsorgt! Ist das von der Bevölkerung heute noch so gewollt?

Neues schaffen im Sinne der Menschen – so bin ich einst angetreten und habe eine moderne, vergängliche Urne geschaffen, die weder Schmuckurne noch Überurne ist, sondern Aschenkapsel und Schmuckurne zugleich. Vergänglichkeit in Verbindung mit Schönem. In meiner naiven Vorstellung als Urnenmacherin dachte ich 2003 noch, die Welt hätte darauf gewartet, einen Urnenkörper für die Urnenbestattung zu bekommen, der die Erde nicht belastet, weil er biologisch abbaubar ist und auf eine zusätzliche Aschenkapsel vollkommen verzichten könnte. Die Friedhofsverwaltungen würden jubeln, weil es nicht mehr notwendig wäre, Urnen nach 15 oder 20 Jahren wieder auszubuddeln und irgendwo den Urnenschrott und die Asche zusätzlich entsorgen zu müssen. Niemand wollte so recht erkennen, was für eine fortschrittliche Idee meine Erfindung Anfang 2000 bereits war. Eine Parallelentwicklung für die Urnenbestattung zeichnete sich damals in Naturgebieten ab. Für die Urnenbeisetzung in Wäldern, Ruheforsten usw. erkannte man die unbedingte Notwendigkeit, biologisch abbaubare Urnen zu verwenden – zum Besten für Mensch und Erde. Warum nicht auch auf Friedhöfen?

 


Ausgegrabene Urne nach 16 Jahren in der Erde.
Die Schmuckurne ist nur angerostet und die
Aschenkapsel mitsamt der Asche noch vorhanden.

 

Irgendwie stellte es sich so dar und der Eindruck hält sich bis heute – nach fast zehn Jahren –, dass eine Überprüfung einst getroffener Richtlinien vordergründig zwar geschah, aber wirklich viel geändert hat sich in der täglichen Praxis meines Erachtens nicht. Doch die Bevölkerung ist heute wacher und viel  sensibilisierter als noch vor zehn Jahren. Immer wieder höre ich: „Endlich eine gut durchdachte und optisch ansprechende Alternative!“ Während meiner Vorträge und Diskussionsrunden empören sich die Menschen mit mir gemeinsam über das Lobbyistentum und das Festhalten am verschleierten Geldverdienen.

Wie bei jedem Berufsstand muss jedoch auch bei der Bestattungsbranche differenziert werden. Es gibt Bestatter, etwa ein Drittel, die offen sind für menschenwürdige und zukunftweisende Veränderungen. Allerdings ist mir bisher niemand begegnet, der bereit gewesen wäre, mit letzter Konsequenz danach zu handeln. „Wir halten uns an die Vorschriften“, sagen sie und meinen aber das Geld. Doch wo es um materielle Interessen geht, geht es kaum um das Gemeinwohl. Seit Jahrzehnten wird den Menschen mit Nachdruck erzählt, die ihnen verkauften Aschenkapseln und Überurnen für Friedhöfe seien während der Mietzeit eines Grabes verrottet und andere Möglichkeiten gäbe es nicht. Das ist unwahr!

Wer will denn, dass seine Überreste nach 15 oder 20 Jahren fremdbestimmt irgendwo entsorgt werden müssen? Werden die Menschen überhaupt gefragt, was mit den Resten in den Gräbern geschehen soll? Ist nicht auch der Platz eines Urnengrabes auf einem Friedhof Naturgut und dazu da, dass sich die Asche mit der Erde verbinden kann in den 15 bis 20 Jahren der Mietzeit? Wozu soll denn die Asche so lange aufbewahrt werden? Was ist der Sinn dieser Handhabung? Geht es vielleicht nur um die Mietdauer, also ums Geld, und nicht mehr um den Menschen selbst? Der Mensch darf nicht Mittel zum Zweck werden, sondern er muss der Zweck selbst sein und bleiben!
Wenn nur noch Wirtschaftsinteressen unser Zusammenleben bestimmen – wo endet das zukünftig? Dazu hat Magdalena Köster in ihrem Ratgeber „Den letzten Abschied selbst gestalten – Alternative Bestattungsformen“ geschrieben (ISBN 978-3-86153-687-1–2. Auflage).

Bei der Überarbeitung der deutschen Friedhofgesetze war die Diskussion zuletzt stark vom Friedhofzwang für die Asche bestimmt. Angehörige sollten sie auf Wunsch mit nach Hause nehmen können – überall in Europa eine Selbstverständlichkeit, bei uns von den Lobbyisten erfolgreich abgeschmettert. Verschlafen hat man dabei den Umweltgedanken, eigentlich doch ein ureigenes deutsches Anliegen. So behinderten Eichensärge und kunststoffhaltige Kleidung den Verwesungsprozess, liegen unter der Erde zig Millionen Urnen und Sarggriffe aus unverrottbaren Materialien. Die sollten stattdessen biologisch abbaubar sein und Aschenkapseln könnten auf Wunsch vor der Beisetzung entfernt werden.

Wo bleibt die offene Empörung der Menschen über diese Sachverhalte? Die Bestattungsbranche – durch mehrere negative Medienberichte und Bücher ins Gerede gekommen – reagierte in den letzten fünf Jahren relativ schnell. Mit dem Versuch, die Menschen nicht weiter wachzurütteln, wurden von der Industrie flugs hergestellte Bio-Pötte ins Angebot genommen. Jetzt ist das Chaos perfekt und für den Bürger noch undurchsichtiger. Nun versenkt man Bio-Aschenkapseln aus dem Krematorium zusammen mit unvergänglichen Schmuckurnen oder umgekehrt, Metall-Aschenkapseln aus dem Krematorium mit biologisch abbaubaren Überurnen (Holzurnen, Filzurnen, Papierurnen etc.). Was soll das? Soll sich vielleicht gar nichts ändern?

Dem Eigennutz der Branche kann nur der etwas entgegensetzen, der sehr genau informiert ist. Das setzt aber Eigeninitiative voraus und Mut, zu widersprechen und Fragen zu stellen! In der Trauersituation direkt fast schier unmöglich! Der Aufruf, genauer hinzuschauen und Transparenz zu verlangen, zwischenzeitlich von vielen Menschen aus allen Lebensbereichen gefordert, findet einen fruchtbaren Boden – überall und immer mehr! Und das gibt Hoffnung. Wir sind mündige Bürger und haben das Recht und die Pflicht, unsinnige Vorschriften und Gesetze zu hinterfragen und uns für sinnvolle Veränderungen einzusetzen. Denn wir alle sind die Gestalter unserer Welt!

Warum müssen wir in Deutschland erst über die Grenzen fahren wie Diebe in dunkler Nacht, um unsere Entscheidungen zu realisieren? Jeder soll die Freiheit haben, seine eigenen Entscheidungen zu diesem Thema treffen zu können. Warum reagiert die Gesetzgebung dazu gelangweilt? Offensichtlich traut man uns Bürgern in Deutschland nicht zu, respektvoll mit unseren Verstorbenen umzugehen. Abschiednehmen können – zu Hause oder anderswo – und wenn die Zeit gekommen ist, entscheiden, was mit der Asche geschehen soll – so stelle ich mir Entscheidungsfreiheit zu diesem Thema für die Bürger in Europa vor! In vielen Ländern in Europa – um uns herum – funktioniert das auch mit dem nötigen Anstand! Die Politik in Deutschland ist aufgefordert, hier endlich europäische Standards zu schaffen. Dieser wichtige Lebensbereich ist bürgernah zu öffnen. Es abzutun als „nicht systemrelevant“ ist eine verschleierte Bevormundung, die schon längst nicht mehr dem Begehren der Bürger entspricht. Empören Sie sich, wann immer Ihnen wieder mal vorgeschrieben wird, wie Sie Ihre Liebsten verabschieden dürfen sollen! Sagen Sie Nein zum Urnenschrott auf den Friedhöfen!

„Urnen das frEI“ sind keine Schmuckurnen und auch keine Überurnen, sondern Aschenkapsel und Schmuckurne zugleich – also nur ein vergängliches Gefäß zur direkten Aufnahme der Asche – ohne Metall und ohne Plastik … und mehr braucht es nicht. Ist das erlaubt? Ja, das ist erlaubt und irgendwie auch notwendig!

 

 

Informationen:

Urnen das frEI
www.rita-capitain.de

 

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