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Eine Messe, die vor Jahren noch undenkbar gewesen wäre

07.05.2012
Messe „Leben und Tod“ – Für alle Interessierten in Bremen
Eine Messe, die vor Jahren noch undenkbar gewesen wäre
Fotos: Messe Bremen/ Jan Rathke

Eine Messe für interessierte Menschen, die Sterben und Tod zum Thema hat – das war 2010 ein mutiger Schritt für die Messe Bremen. Über 2.000 Menschen besuchten die Kongressmesse. Im darauf folgenden Jahr fanden bereits weit über 3.000 Besucher den Weg nach Bremen und nun findet die „Leben und Tod“, vom 10. bis 11. Mai, zum dritten Mal statt.

Die Verantwortlichen rechnen mit einer weiteren Steigerung der Besucherzahlen und auch die Ausstellerzahlen sollen noch einmal anwachsen: Präsentierten 2010 noch 64 diverse Unternehmen und Organisationen ihre Dienstleitungen und Produkte, so waren es 2011 bereits 91 und dieses Jahr werden es 112 Aussteller sein. „Eine Veranstaltung, die sich mit dem Sterben und dem Tod beschäftigt, braucht Zeit, um sich zu etablieren“, sagte Hans Peter Schneider, der Geschäftsführer der Messe Bremen, nach der Messe im Jahre 2011 und führte weiter aus: „Die Menschen – seien es Besucher oder Aussteller – wollen Vertrauen entwickeln, ein hoher Grad an Sensibilität ist gefragt.“

Die steigende Resonanz und das zunehmende öffentliche Interesse an dieser außergewöhnlichen Messe zeigen, dass die Verantwortlichen der „Leben und Tod“ die richtige Ansprache gefunden und Vertrauen aufgebaut haben. Zum Erfolg trägt aber auch ein gutes inhaltliches Konzept bei. Neben den vielen Ausstellern bietet die Messe stets ein fachlich hochkarätiges Vortragsprogramm an, das bei den Besuchern auch in vergangenen Jahren immer großen Anklang gefunden hat.

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Woher kommt dieses große Interesse an einer Thematik, die unsere Gesellschaft doch eher meidet? Warum ist gerade jetzt die Zeit reif für eine solche Veranstaltung, die, Gerüchten zufolge, von anderen Messegesellschaften in ähnlicher Form bereits geplant wird? adeo-online hat Birgit Janetzky, Reiner Rettinger und Frau Dr. Kerstin Gernig nach ihrer Meinung gefragt:

 

Birgit Janetzky von der Firma semno. Sie hat sich auf das „digitale Erbe“ spezialisiert.

Reiner Rettinger ist für das Marketing und Fundraising der Bundesstiftung Kinderhospiz verantwortlich.

Dr. Kerstin Gernig war langjährige Geschäftsführerin des Deutschen Kuratoriums für Bestattungskultur. Sie hat sich mit der Firma KommunikationsGestaltung in Berlin selbstständig gemacht.

 

adeo-online: Wäre eine solche Messe vor zehn Jahren möglich gewesen?

Birgit Janetzky: „Eine Messe wie in Bremen wäre in dieser Größenordnung sicher nicht möglich gewesen. Die Hospizbewegung hat in den letzten zehn Jahren eine Breitenwirkung entfaltet und man spricht öffentlich über Sterben und Tod. Dies senkt die Hemmschwelle, zu einer Veranstaltung zu fahren, bei der man an jeder Ecke daran erinnert wird, dass man sterblich ist.“

Reiner Rettinger: „Nicht wirklich, so glaube ich. Es gab zwar einzelne Bestatter, die sich früh dem neuen Trend geöffnet haben, aber eine Messe mit diesem Thema wäre vielleicht noch nicht denkbar gewesen.“

Dr. Kerstin Gernig: „Auf der BEFA 2010 wurde ich von Journalisten gefragt, weshalb diese Bestattungsfachmesse nicht für das interessierte Publikum geöffnet worden sei. Allein die Frage zeigt, dass das Thema der gesellschaftlichen Auseinandersetzung mit dem Thema Tod in der Luft lag. Im Jahr 2010 hat die ,Leben und Tod‘ zum ersten Mal stattgefunden. Bis eine Idee, deren Zeit gekommen ist, reift, brauchte es das erste Jahrzehnt des 21. Jahrhunderts. Die radikalen Umbrüche – Individualisierung der Bestattungsrituale, Zunahme von Feuerbestattungen und anonymen Beisetzungen, um nur ein paar Beispiele zu nennen – mussten erst einmal ins allgemeine Bewusstsein gelangen.“

 

adeo-online: Ist eine solche Messe ein Barometer für die Zukunft? Wird unsere Gesellschaft dem Thema Tod gegenüber offener?

Birgit Janetzky: „Von einer publikumsoffenen Messe zum Thema Sterben/Tod/Trauer kann ich keinen gesamtgesellschaftlichen Trend ableiten. Der Anteil der Menschen, die nicht in der Bestattungsbranche arbeiten und sich persönlich diesen Themen stellen, wird größer. Es sind aber nicht so viele, dass es gesamtgesellschaftlich eine Relevanz hat. Im Herbst wird die ARD eine Themenwoche zu diesen Themen durchführen. Die Einschaltzahlen können vielleicht etwas Zahlenmaterial liefern.“

Reiner Rettinger: „ Zumindest spürt man mehr als nur eine Tendenz, dass der Tod nicht gesellschaftlich verdrängt werden darf oder gar ein Tabuthema ist. Die Bremer Messe unterstützt diese Tendenz, und das ist wunderbar.“

Dr. Kerstin Gernig: „Die ,Leben und Tod‘ ist ein Indikator dafür, dass wir uns in einer Zeit der Suche und der Neuorientierung befinden, insbesondere hinsichtlich der seelischen Dimension des Lebens. Wenn Rituale, die über Jahrhunderte Bestand hatten, infrage gestellt werden, muss etwas Neues an die Stelle treten. Geburt und Tod sind als Anfang und Ende unserer Existenz auf dem Planeten Erde existenzielle Erfahrungen, die sich weder virtualisieren noch verdrängen lassen.“

 

adeo-online: Warum finden Sie die Messe interessant?

Birgit Janetzky: „Mir gefällt das Messekonzept mit seiner Mischung aus Fachpublikum und interessierten Menschen, die für ihren Arbeitsbereich in der Pflege oder für sich persönlich über die Messe schlendern. Das attraktive Vortragsprogramm und der parallel stattfindende Kongress bringen Publikum zur Messe, das nicht zu einer reinen Ausstellungsmesse gehen würde. Kleinere Aussteller haben die Möglichkeit, sich auf der Messe zu präsentieren, da die kleinen Stände finanziell zu stemmen sind. Diese Gruppe wird von den Bestatterfachmessen, ob gewollt oder nicht, durch Mindestgrößen der Stände und hohe Preise ausgeschlossen. Die Öffentlichkeitsarbeit und -wirkung dieser Messe ist vorbildlich.“

Reiner Rettinger: „Die zahlreichen ,bunten‘ Aussteller. Sie demonstrieren diese Offenheit gegenüber dem Thema.“

Dr. Kerstin Gernig: „Es war ein mutiger Schritt von den Messeverantwortlichen, die ,Leben und Tod‘ an einer zentralen Schnittstelle ins Leben gerufen zu haben. Zeiten des Umbruchs bedürfen solch mutiger Schritte durch mutige Menschen, die die Welt mitgestalten.“

 

adeo-online: Warum beteiligen Sie sich an der „Leben und Tod“?

Birgit Janetzky: „Das Publikum umfasst interessierte Menschen aus dem Hospiz- und Pflegebereich, Bestatterinnen und Bestatter, Trauerrednerinnen und Redner, Kulturschaffende und Produktaussteller. All diese Zielgruppen sind für mich interessant. Für mich aus Ausstellerin geht es darum, unser Unternehmen Semno und die Dienstleistung zur Regelung des digitalen Nachlasses möglichst breit bei Menschen, die mit Sterbenden, Verstorbenen und deren Angehörigen Kontakt haben, bekannt zu machen. In diesem Jahr werden wir eine Standpartnerschaft mit dem Unternehmen MyDiverO haben und ein neues Angebot im Bereich Vorsorge für Digitales vorstellen. Hier werden wir die Messe nutzen, um in Gesprächen mit den Besucherinnen und Besuchern dieses Angebot und den Nutzen für die Kunden zu verbessern.“

Reiner Rettinger: „Für uns ist die Messe eine schöne Plattform, um die Arbeit der Bundesstiftung Kinderhospiz vorzustellen. Gerade das Thema Kinder und Tod ist ein Thema mit großen Berührungsängsten. Wir wollen aber die Botschaft in den Mittelpunkt stellen, dass in Kinderhospizen gelebt, gelacht und natürlich auch getrauert wird – und wir wollen falsche Vorstellungen korrigieren. Wir können, sofern es um das Thema Tod und Trauer geht, von Kindern sehr viel lernen. Sie gehen so offen damit um und nehmen uns Erwachsenen den Schrecken davor.“

Dr. Kerstin Gernig: „Als Geschäftsführerin des Kuratoriums Deutsche Bestattungskultur habe ich mich intensiv mit den Themen Sterben, Tod und Trauer beschäftigt und die Einladung zur Eröffnung der Messe im Jahr 2011 gern angenommen. Über die Einladung zur Moderation der Eröffnung im Jahr 2012 habe ich mich besonders gefreut, weil ich im vergangenen Jahr eine Agentur für Kommunikationsgestaltung gegründet habe. Da ich als Kommunikationsexpertin auf sensible Themen spezialisiert bin, ist es naheliegend, mit einem Messestand auf der ,Leben und Tod‘ vertreten zu sein. Ich bin schon sehr gespannt auf die Messegespräche.“

 

adeo-online bedankt sich bei allen Mitwirkenden für das Interview.

 

 

Informationen:

Die Messe „Leben und Tod“ findet am 10. und 11. Mai in der Halle 4 der Messe Bremen statt. Öffnungszeiten: 10 bis 18 Uhr, Preis: 8 Euro, Fachteilnehmer finden die gestaffelten Preise im Internet. www.leben-und-tod.de

semno – für ihr digitales Erbe

Bundesstiftung Kinderhospiz

KommunikationsGestaltung Dr. Kerstin Gernig

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1 Kommentar
  1. Juliane Uhl sagt:

    Das Video läuft bei mir nicht. Woran kann das liegen? Gruß aus Halle. JU

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