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Fragen und Antworten, Austausch und Impulse, Lachen und Weinen, Musik und mehr. Der Bestatterkongress 2013. Ein Rückblick

12.11.2013
Ein Blogbeitrag von Barbara Rolf
Fragen und Antworten, Austausch und Impulse, Lachen und Weinen, Musik und mehr. Der Bestatterkongress 2013. Ein Rückblick
Franziska Molina

Nachdem ich 2012 mit gemischten Gefühlen, wenig Hoffnungen und einem gerüttelt Maß an Skepsis nach Königwinter gefahren war, habe ich mich dieses Jahr auf den Bestatter Kongress gefreut. Nach den für mich überraschend positiven Erfahrungen aus dem Vorjahr wusste ich, dass es schöne und kostbare Tage werden würden. Diese Erwartungen wurden erfüllt und übertroffen.

 

Der Tagungsraum

 

Die Themen und Referenten waren meines Erachtens hervorragend ausgewählt, die Stimmung unter den Teilnehmenden war wohlwollend und offen. Ich habe mich in der Gemeinschaft dort sofort wohl gefühlt und wie so oft gedacht: Wie viel kann man bewegen, wenn man miteinander spricht, sich gegenseitig Tipps gibt, sich unterstützt, an einem Strang zieht (auch wenn es in dem einen oder dem anderen Punkt ganz unterschiedliche Meinungen gibt)! Vielleicht kann es das ja doch geben: Bestatter, die sich solidarisieren, ohne Hintergedanken, in aufrichtiger Kollegialität, die sich gemeinsam dafür engagieren wollen, diese in vielfacher Hinsicht sehr „spezielle“ Branche auf einen guten Weg zu bringen, den Berufsstand zu stärken und unseren wichtigen Auftrag  im Hinblick auf die Bedürfnisse von Menschen, Gesellschaft und Kultur neu zu formulieren.

Jetzt bin ich abgeschweift. Ich wollte ja berichten.

Frau Diana Goldbeck vom FID-Verlag (= Veranstalter; GROßES LOB für ihre Arbeit) und Frau Dr. Kerstin Gernig, die die beiden Tage hervorragend moderierte (ich möchte bitte auch so schnell denken und so fein sprechen können!!!) eröffneten den Kongress am Mittwochmorgen.

Dirk Ziems (Geschäftsführer, concept m), der erste Redner des Kongresses, beschrieb die Bestattungskultur und -branche, wie sie sich heute darstellen und die damit verbundenen aktuellen Herausforderungen für Bestatter. Die zentrale und augenöffnende Aussage seines Referates war für mich: „Bestattungskultur muss mit jeder Generation neu gelernt werden.“

Ausgesprochen unterhaltsam und inhaltlich hervorragend war der Vortrag von PD Dr. jur. Dr. rer. pol. Tade Matthias Spranger (Privatdozent, Rechts- und Staatswissenschaftliche Fakultät, Universität Bonn), der über rechtliche Aspekte der individuellen Bestattungskultur sprach. Er sensibilisierte für den Wunsch (fast) aller Menschen, ihre Individualität zu leben und mit ihren individuellen Wünschen ernst genommen zu werden. Juristen sollen seiner Meinung nach nicht als Spielverderber fungieren, sondern in erster Linie die Wege und Möglichkeiten aufzeigen, die es gibt, um die Anliegen der Menschen zu erfüllen – innerhalb der vom Gesetz dann doch gesetzten Grenzen, versteht sich. 😉

Dann erzählte der Trauerbegleiter, Skipper und Künstler Piet Morgenbrodt von seinem einschneidenden persönlichen Trauererlebnis, aus dem sich über einen jahrelangen Prozess ein ganz besonderes Konzept entwickelte: Trauerreisen mit dem Segelschiff. „Trauernde leisten harte Arbeit. Und nach ein paar Monaten sind sie urlaubsreif.“ Als selbst Betroffener weiß er, was Trauernden hilft und was im Umgang mit Trauernden vermieden werden sollte. „Lass den Trauernden Regie führen!“, ist ein Appell, den wir meines Erachtens in unserer Arbeit mit Angehörigen berücksichtigen sollten.

Der Theologe und Bestattungsunternehmer Brian Müschenborn (TrauerHaus Müschenborn oHG, Köln) knüpfte mit seinem Vortrag zum Thema Trauerbegleitung und ihre Rolle bei der Kundenbindung an das eben Gehörte an. Er appellierte an die anwesenden  Bestattungsunternehmer, das Thema Trauerbegleitung ernst zu nehmen und in ihr Angebot aufzunehmen. Er warnte vor unprofessionellen, selbst ernannten Begleitern, die im schlimmsten Fall mehr Schaden anrichten, als dass sie hilfreich sind für die Angehörigen. Obschon derzeit nur 1-2% der Trauernden die Angebote der Begleitung tatsächlich annehmen, sei die Existenz derselben für viele wichtig. Es vermittelt Sicherheit („Ich könnte, wenn ich wollte.“) und wirkt sich positiv auf die Außenwahrnehmung des Instituts aus.

Unendlich ergreifend und emotional war der Bericht von Georg Kronthaler (Lawinenwarnzentrale Bayern), der von der Bergung seines in den Bergen verstorbenen Bruders erzählte und atemberaubende Filmaufnahmen zeigte. Markus Kronthaler ist im Juli 2006 auf dem Broad Peak verstorben, im Grenzgebiet zwischen Pakistan und China, in über 8000 Meter Höhe. Zunächst wollte die Familie tun, was man nach landläufiger „Bergsteigermeinung“ in solchen Fällen tut: den Toten liegen lassen, wo er liegt. Doch Georg Kronthaler spürte, dass die Familie nicht zur Ruhe kommen würde, so lange der Verstorbene dort oben ist, unbedeckt, unbestattet, den Blicken, Kommentaren und Kameras derer, die vorbeikommen, ausgeliefert. Er beschloss, ihn zu bergen. Das sei unmöglich, sagte man ihm. Aber sein Wunsch war groß genug, um es möglich zu machen. Zusammen mit einem großartigen Team hat er es geschafft. Inzwischen gründete er die die Kronthaler Mountain Recovery Foundation http://www.weltderberge.com/, die sich die Ausbildung von Bergrettern in Pakistan zur Aufgabe gemacht hat. Mit vielen Tränen, langem Beifall und stehenden Ovationen reagierten die Anwesenden auf das Gehörte und Gesehene. Was können wir als Bestatter für unsere konkrete Arbeit mitnehmen? Zwei Dinge, denke ich: 1. Der Leichnam eines verstorbenen Menschen ist „heilig“ und – bei allem Glauben an eine geistige und/oder seelische Weiterexistenz  des Wesentlichen – etwas ganz Wichtiges, Kostbares. Dem entsprechend muss unser Umgang mit den Toten sein. 2. (Dafür sensibilisierte Kollege Müller im Anschluss an diesen Vortrag:) Wir müssen, wenn Menschen für ihre eigene Bestattung Vorsorge treffen, einfühlsam aber unbedingt darauf hinweisen, dass es nicht nur den Toten, sondern auch die Angehörigen gibt, die eines Tages mit diesem Verlust leben und umgehen müssen. Vielleicht (vielleicht!) wäre es für den Bergsteiger in Ordnung gewesen, dass sein Leichnam dort oben verbleibt, seinen Lieben hat es das Weitergehen jedoch enorm erschwert! Übertragung: Mag es für die Mutter von vielbeschäftigten Kindern in Ordnung sein, in Stille bestattet und anonym beigesetzt zu werden, so kann es für ihre Familie zur großen Belastung werden. Das soll nun kein Plädoyer gegen die anonyme Bestattung sein, wohl aber eines dafür, Vorsorgenden dringend ans Herz zu legen, ihre Pläne mit denen zu besprechen, die eines Tages übrig bleiben werden.

Im wunderschönen Kuppelsaal des Hotels kam man zu den Essens- und Kommunikationspausen zusammen und konnte die Angebote der verschiedenen Aussteller kennenlernen.

Kuppelsaal

Nach der Mittagspause war die Bestatterin Jutta Knoop (Vormbrock Bestattungen GmbH, Bielefeld) an der Reihe und erzählte von ganz besonderen Aktionen, mit denen sie Menschen aus ihrer Stadt in Kontakt bringt mit den Lebensthemen Abschied, Sterben, Tod und Trauer. Jedes Jahr laden sie am Totensonntag ein in ihr Haus und stellen das aktuelle Projekt  vor. Ein Buch, in dem liebgewonnene Erinnerungsstücke vorgestellt werden oder Liebesgedichte, Postkarten, die Engelbilder zeigen, die Kinder gemalt haben, Bilder und Geschichten, die von Menschen mit Behinderung stammen, zusammengefasst in dem Buch „Das Leben ist bevor man stirbt“. Ich fand ihre Begeisterung ansteckend, die nicht in erster Linie nach Kosten-Nutzen fragt, sondern nach der Freude, die diese alljährlichen Höhepunkte in ihr Team bringen und nach der Erfüllung, die sie selbst dadurch erlebt. Sie ermutigte die Anwesenden, so etwas in Angriff zu nehmen und bei der Wahl der Beteiligten (Fotografie, Werbeagentur, Druck…) nicht auf das billigste, sondern auf das entsprechendste Angebot einzugehen. Derzeit gehen sie der Frage nach: „Wie fühlt sich gelebtes Leben an?“ Mehr dazu hier: http://www.vormbrock-bestattungen.de/2013/Vormbrock_aufruf.pdf

Von vielen mit Spannung erwartet war der Vortrag von David Roth (Mitglied der Geschäftsführung, Bestatter und Trauerbegleiter, Pütz-Roth Bestattungen und Trauerbegleitung, Bergisch Gladbach). „Trauer ist Liebe.  Das Leben geht weiter. Wie die Nachfolge in einem Familienunternehmen aussieht“ war das Thema, dem er sich widmete. Er zeigte beeindruckende Bilder vom Haus der menschlichen Begleitung und vom Garten der Bestattung, erzählte von der Zeit der Krankheit des charismatischen, dominierenden Vaters, von seinem Sterben, vom Abschied von ihm – erst in der Großfamilie und dann ihm Rahmen der mehrstündigen Trauerfeier im Altenberger Dom (http://www.youtube.com/watch?v=aqbJsZZCa8o). Und er erzählte vom Weitermachen, von den Wegen, die die Familie weitergeht, im Sinne des Vaters und im eigenen Sinne. Von dem, was leicht ist, von dem, was schwer ist… Ich denke, dem Vater hätte (oder hat?) gefallen, was da zu hören und zu sehen war. Gut zu wissen, dass dieses Zentrum der Bestattungs- und Trauerkultur auch künftig in guten Händen ist.

Mutig und meines Erachtens überzeugend war der Vortrag von Carsten Pohle (Geschäftsführer, Otto Berg Bestattungen GmbH & Co. KG, Berlin) zum Thema „Internet und Preisvergleich – neue Spielregeln für das Bestattungsgewerbe? Risiken und Nebenwirkungen neuer Vertriebskonzepte. Strategien und Lösungsansätze für einen nachhaltigen Unternehmenserfolg“. Er führte uns vor Augen, was das Reizvolle an Preisvergleichsportalen im Internet ist: Sie sind bequem, schnell, vermeintlich transparent, anonym, hilfreich in komplexen Entscheidungssituationen, vertrauensbildend…  Sein Rat, um von solchen Portalen nicht abhängig zu werden (wie zum Beispiel das Hotelgewerbe): Es besser machen! Auf Kostenanfragen eingehen, qualifizierte Angebote schreiben, Kostenauskünfte geben… Denn: Wenn wir selbst keine Transparenz schaffen, werden es andere machen.

Die letzte Vortragende an diesem Tag: Frau Claudia Marschner (Inhaberin, M+K Bestattungen, Berlin). Ich habe mich so gefreut, denn ihr Buch „Bunte Särge“ war 2002 mein Einstieg in das Thema Bestattungskultur, Bestattersein… Eine herausragende Rednerin. Und eine Unternehmerin, die sich mitten in Berlin traut, Geld zu verlangen für gute Arbeit. „Hört bitte damit auf, von billig, billig, billig zu sprechen. Eine Bestattung darf teuer sein, wenn die Leistung Armani ist.“ Das Bestatten von Menschen ist keine Entsorgung und Friedhöfe sind keine Ablagerungsstätten von Leichen. Sargherstellung in Deutschland, deren Erhalt in unserer Hand liegt, kostet Geld. Das darf man dem Kunden sagen. Und der wird das verstehen. Wunderschön ihr Apell, sowohl Altes zu bewahren, als auch neue, ganz individuelle Wege zu gehen: „Wir brauchen den sicheren, festen Boden der Tradition, auf dem die Moderne tanzen kann.“

Der Abend schloss mit der Award-Verleihung „Bestatter des Jahres 2013“. Wir haben uns riesig über diese Auszeichnung gefreut. Wer mehr darüber lesen mag: http://www.bestattungen-rolf.de/bestatter_des_jahres_2013.htm Wir fühlen uns mit allen Kolleginnen und Kollegen verbunden, die sich trauen, sich nach außen zu öffnen, transparent zu arbeiten, die bereit sind, sich fair, aufrichtig und zugewandt um die tiefsten Bedürfnisse unserer Mitmenschen, unserer Gesellschaft und unserer Kultur zu kümmern. Und wir sind uns sicher, dass sie – nicht weniger als wir – Bestatter des Jahres 2013 und die Bestatter der Zukunft sind.

Ein besonderes Highlight war der spontane Auftritt von Martin Merks, einem Kollegen aus Aalen, der – etwas überrumpelt, aber gerne – meiner Bitte entsprach, zur Feier des Tages etwas zu spielen und zu singen. Er entschied sich für „Bed of roses“ von Bon Jovi, verblüffte sein Publikum mit einem herausragenden Vortrag und ernte begeisterten Beifall.

Martin Merks, Bed of roses

Am Donnerstagmorgen berichtete Christoph Feuerstein (Inhaber, Bestattungshaus Christoph Feuerstein, Bludenz/A) über die Verwirklichung eines Traumes, über den Bau seines Bestattungshauses. Er machte den Anwesenden Mut, für eigene Räume und damit auch für Freiraum zu sorgen, für Unabhängigkeit von kommunalen oder kirchlichen Friedhöfen, denen gegenüber man ansonsten dauernd Bittsteller ist. Abgesehen davon, dass er mir wirklich Lust gemacht hat auf ein eigenes Bauprojekt, hat mir vor allem gefallen, wie er von dem kollegialen Miteinander erzählte, das in den letzten Jahren in seiner Region gewachsen ist. Es geht also!

Auf dem Kongress war das auch spürbar, und das nehme ich neben all den anderen kostbaren Anregungen mit: Miteinander Wege gehen ist die Devise für die Zukunft.

Die übrigen Vorträge konnte ich leider nicht hören, weil ich zurück nach Stuttgart musste. 2014 werden wir so organisiert sein, dass ich bis zum Schluss bleiben kann und nichts verpassen muss. Denn eines ist ganz klar: Schon heute freue ich mich auf die 2 Tage in Königswinter, auf den Austausch mit Kollegen, auf neue Kontakte und Impulse.

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7 Kommentare
  1. Vielen Dank für die tolle Zusammenfassung! Das spontane Ständchen war wirklich aller Ehren wert! Großes Kompliment an Herrn Merks, dem es gelungen ist, einen BonJovi-Song so zu interpretieren, dass er sogar mir gefiel 🙂

  2. Barbara Rolf sagt:

    Sie würden sich mit unserer Frau Müller verstehen. Sie kommentierte das Gehörte sehr ähnlich. 😉
    Ich hoffe, in Kürze ein Video von diesem bombastischen Auftritt zu haben. Dann stelle ich es hier ein.

  3. Schöner und dichter hätten man die Tage kaum auf den Punkt bringen können. Chapeau!

    Welch unglaublich positive Energie auf dem Petersberg in Königswinter herrschte, hat der zweite Tag gezeigt: Das Gefühl, dass kollegiales Miteinander unter Gleichgesinnten möglich ist, fand seinen spontanen Ausdruck in der Idee einer Erfahrungsaustausch-Gruppe unter Aufgeschlossenen & an Innovationen Interessierten, Kolleginnen & Kollegen, Quer- & Vordenkern. Eine Einladung folgt an alle, die am Bestatterkongress 2012 und 2013 teilgenommen haben.

  4. Barbara Rolf sagt:

    Eine wunderbare Idee!
    Ich bin sehr gespannt, was sich daraus entwickeln wird.

  5. Barbara Rolf sagt:

    Hier ist nun noch das Video zum Auftritt von Herrn Merks:
    https://www.facebook.com/photo.php?v=10203086536150683

  6. Martin Merks sagt:

    Ein wirklich toller und ereignisreicher Kongress – ich bin positiv überrascht und freue mich auf das nächste Jahr – gerne bringe ich meine musikalische Unterstützung zum Kongress 2014 ein… 🙂

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