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Friedhofszwang vor ungewisser Zukunft

07.10.2010
Stimmen mehren sich gegen den Friedhofszwang in Deutschland
Friedhofszwang vor ungewisser Zukunft
Wie lange wird es den Friedhofszwang noch geben?

Fachleute prognostizieren es, viele Bürger wünschen es sich: Ein Ende des Friedhofszwangs in Deutschland. Bisher dürfen Särge und Urnen in Deutschland nur auf Friedhöfen beigesetzt werden. Einzige Ausnahme ist die Seebestattung von Urnen auf Nord- und Ostsee.

Wie lange die Verpflichtung zu Beisetzungen auf Friedhöfen in Deutschland noch bestehen bleibt, ist derzeit nicht absehbar. Allerdings mehren sich die Stimmen derer, die ein Ende des Friedhofszwangs voraussagen, zumindest bei den leichter handhabbaren Urnen. Dazu gehören zum Beispiel Fachleute wie der Hamburger Kulturwissenschaftler Professor Norbert Fischer oder das Magazin DER SPIEGEL, das Ende 2009 vom Friedhofssterben schrieb. FDP-Politiker in Baden-Württemberg starteten Initiativen, Aschebeisetzungen auf dem Bodensee zu erlauben. Der Vergleich mit dem europäischen Ausland zeigt, dass die strenge deutsche Regelung fast alleine dasteht. Möglicherweise wird es im Rahmen einer europäischen Harmonisierung zu Änderungen kommen müssen.

Auch bei den Bürgern hat sich die Einstellung gewandelt. Laut einer Emnid-Umfrage im Auftrag der Verbraucherinitiative Aeternitas aus dem Jahr 2010 sind 58 Prozent der Bundesbürger der Meinung, der Friedhofszwang für Urnen sei nicht mehr zeitgemäß. Die klassischen Friedhöfe mit ihren traditionellen Grabangeboten geraten unter Druck. Auf den Friedhöfen selbst entscheiden sich immer mehr Friedhofsnutzer für pflegefreie Gräber wie zum Beispiel Urnenwände oder anonyme Gräber. In manchen Großstädten beträgt der Anteil der anonymen Beisetzungen bereits über 20 Prozent. Baumbestattungen außerhalb traditioneller, städtischer Friedhöfe werden immer beliebter. Allein die beiden führenden Anbieter für Baumbestattungen verfügen mittlerweile jeweils über 30 Bestattungswälder in ganz Deutschland. Jeden Monat werden es mehr.

Für die Veränderung der Bestattungskultur gibt es eine Reihe von Ursachen. Die deutsche Gesellschaft wird seit Jahren mobiler, insbesondere durch die in der Arbeitswelt geforderte räumliche Flexibilität. Unterschiedliche Generationen einer Familie leben immer seltener an einem Ort. Häufig fehlen die Nachkommen auch ganz, was die Frage aufwirft, wer sich um die Grabpflege kümmern soll. Dazu kommt, dass traditionelle religiöse Bindungen an Bedeutung verlieren, während die Entscheidungsfreiheit des Einzelnen in den Vordergrund rückt. Dieser Trend zum Individualismus hat zur Folge, dass sich Trauer zunehmend aus der Öffentlichkeit ins Private zurückzieht.

Die Friedhöfe stehen unter Druck. Auf Dauer wird die bestehende Bestattungskultur wohl nicht unverändert bewahrt werden können. „Doch Angst vor Veränderung darf nicht unser Handeln prägen. Wir müssen die Zukunft aktiv gestalten“, erklärt der Aeternitas-Vorsitzende Hermann Weber. Der Verein legt deshalb die Studie „Friedhofspflicht für Totenasche zeitgemäß?“ vor.

Aeternitas will einen Beitrag für eine bürgernahe und würdige Zukunft des Bestattungswesens leisten und die notwendige Diskussion beleben. Zukünftige Regelungen müssten sich immer an der Würde der Verstorbenen und gleichzeitig an der Entscheidungsfreiheit des Einzelnen orientieren. Ziel könne es nicht sein, den Umgang mit den Urnen Verstorbener vollständig frei zu geben. Dennoch könnten liberalere Richtlinien, die den Willen der Verstorbenen in den Mittelpunkt stellten, die Rahmenbedingungen zum Beispiel für eine Urnenbeisetzung im eigenen Garten regeln. Dabei müsste die würdige Gestaltung und Unterhaltung des Bestattungsplatzes gesichert sein. In der Studie machen die Autoren Dr. Falko Ritter und Christoph Keldenich praxisnahe Vorschläge für Gesetzestexte und Verwaltungsbestimmungen, die einem Bestattungswesen ohne Friedhofszwang für Urnen gerecht werden.

Infos:

Alexander Helbach

Aeternitas e.V. – Verbraucherinitiative Bestattungskultur

Dollendorfer Straße 72, 53639 Königswinter

Telefon: 0 22 44 / 92 53 85, Fax: 0 22 44 / 92 53 88

E-Mail: alexander.helbach@aeternitas.de

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1 Kommentar
  1. Janina S. sagt:

    Letzlich geht es bei Friedhofszwang ja nicht darum, dass alle Leichen und Urnen unter der Erde sind, sondern es geht vielmehr darum, die Störung der Totenruhe zu vermeiden. Und wie bereits auch von Bundesgerichten beschlossen wurde, gilt eben auch für eine Urne, wo im Prinzip „nur Asche“ enthalten ist, die Totenruhe ebenso, wie bei Särgen. Wie also soll die Totenruhe bei Urnen (wobei hier der Augenmerk weniger auf Verwesung als auf Pietät und Anstand liegt) gewährleistet werden, wenn eine Urne bei jemanden zu Hause auf dem Fensterbrett steht?
    Geht es einfach nur darum Urnen in anderer Weise zu bestatten (bspw. Seebestattung) dann ist es was anderes, als wenn Menschen die Urnen mit zu sich nach Hause nehmen und eben nicht richtig bestatten.
    Behörden müssen numal gewährleisten, dass die Totenruhe eingehalten wird, und das können sie nicht anders, als bei einem Bestattungszwang.

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