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Für eine Kultur des Abschieds im Internet

12.06.2013
Ein Blogbeitrag von Birgit Aurelia Janetzky
Für eine Kultur des Abschieds im Internet
(Foto: Vinschen)

„Der Herr behüte deinen Ausgang und Eingang.“ Der Abschiedssegen in der Bestattungsliturgie der Kirche kennt Anfang und Ende im Leben. Die Kirchen kennen sich mit Bestattungsfeiern aus, mehr als mit dem Internet. Dagegen tun die meisten Anbieter im Internet, als wäre das Leben unendlich. Abschiednehmen ist ein No-Go. Gewollt sind Anmeldungen, keine Abmeldungen. Die Plattformen versuchen Nutzer zu gewinnen und Nutzer zu halten. Ob der Inhaber eines Accounts das Angebot nutzen will oder kann, ob er lebt oder gestorben ist, scheint vielen egal zu sein.

Karlheinz A. Geißler hat diesen  Zeitgeist treffend auf den Punkt gebracht:

 „Der Schluss ist für eine Gesellschaft, die das Vorwärts-Schreiten zu einem Fetisch macht – und dabei schon lange nicht mehr schreitet, sondern rast –, etwas Lästiges, Unangenehmes, Unbedeutendes. Als Kinogänger erlebt man das sinnlich: Die Eingänge unserer Lichttheater sind pompös ausgestattet, der Ausgang erfolgt über die Hintertreppe. Nach vorne sollen wir blicken. Altes wird nahtlos durch Neues ersetzt, wer innehält für einen Abschied, verpasst den Zug der Zeit.“ (in: Schlusssituationen, S. 10 f)

Wer schon einmal versucht hat, einen Account beim Messengerdienst ICQ (sehr beliebt bei Jugendlichen) zu löschen, landet mit seiner Recherche bei einem Hinweis auf einer Unterunterseite:

„ICQ arbeitet an einer Löschfunktion. Diese wird in künftigen Versionen von ICQ verfügbar sein. Momentan gibt es diese Funktion nicht. Du kannst aber einfach den gesamten Inhalt (Profil und Kontakte) löschen. Nur Deine E-Mail-Adresse kann nicht gelöscht werden.“

Immerhin, es kommt etwas Abschiedskultur ins Internet. Facebook kennt schon seit Längerem den Gedenkzustand, in den auf Antrag das Profil eines verstobenen Menschen gesetzt werden kann. Dabei werden einige Funktionen, wie die automatische Geburtstagserinnerung, abgeschaltet. Aus der Pinnwand wird eine Kondolenzseite. Einziger Nachteil: Die Angehörigen, die zu Lebzeiten nicht mit dem Verstorbenen auf Facebook „befreundet“ waren, bekommen nicht mehr mit, was auf der Kondolenzseite geschrieben wird. Das Profil wird für Außenstehende unsichtbar. Angehörige können auch eine komplette Löschung des Profils beantragen. Allerdings muss sich der Nutzer die Informationen in der Hilfe zusammensuchen.

Als weiterer großer Anbieter hat Google sich kürzlich Gedanken gemacht. Im Mai 2013 hat der Konzern seinen Kontoinaktivität-Manager veröffentlicht. Mit diesem Tool gibt Google zu erkennen, dass es an den Daten verstorbener Nutzer nicht mehr interessiert ist. Jeder Nutzer ist selbst verantwortlich, den Manager einzurichten, und kann festlegen, wer nach seinem Tod Zugang zu den Nutzerkonten und Inhalten bekommen soll. Diese Regelung gilt nur für Google-Dienste, beispielsweise YouTube, Google+, Picasa, Alerts, Analytics oder die Gmail-Adresse. Vereint sind alle diese Dienste auf dem Google-Dashboard.

Aktuell hat der Verbraucher­zentrale Bundes­verband eine Stichprobe unter 19 Anbietern gemacht. Das Ergebnis: Wer sein Profil löschen möchte, muss in den Einstellungen oft lange suchen oder wird gar nicht fündig. Nur acht der analysierten Plattformen bieten Lösch­möglichkeiten dort an, wo die meisten Nutzer sie erwarten würden: in den Kontoeinstellungen oder in den Profil­informationen. Bei sieben Anbietern müssen Nutzer erst die Hilfe durchsuchen, um an die gesuchten Informationen zu gelangen. Vier der untersuchten Anbieter sehen ein Löschen überhaupt nicht vor. Manche Konten werden gar nicht gelöscht, sondern nur deaktiviert.

Nachdem die Schülerinnen und Schüler systematisch von Schueler-VZ in andere Netzwerke abgewandert sind, hat die Plattform geschlossen. Wer die Website, aufruft erhält die sympathische Abschiedsnachricht:

Liebe schülerVZ-Nutzer,

Wir machen’s kurz: Es ist vorbei. schülerVZ wurde am 30. April 2013 geschlossen. Für immer. Deine Mitgliedschaft endete dementsprechend zum 30. April 2013.

Wichtig ist: Mit der Schließung wurden alle deine Inhalte und Daten vollständig und unwiederbringlich gelöscht. Dies gilt für Bilder, Nachrichten, Links, Pinnwandeinträge und alle anderen Daten, die du bei uns gespeichert hast. Uns bleibt nichts Weiteres mehr, als euch zu danken, für sechs Jahre voller pinker Luftballons, Sofas, Krawall-Affen, Plaudereien, witzigen Gruppen, Aktionen und Konfetti. Es war die schönste Zeit für uns und wir hoffen, dass es das auch für euch war. Wir haben uns gefreut, euch eine Weile zu begleiten. Und statt dem üblichen „Lebewohl“, sagen wir: Man sieht sich.

Beim Abschiednehmen im Internet sollte der Ausgang gestaltet sein wie der Eingang: ein schnell aufzufindender Button zum Löschen und Informationen in der Hilfe, die mit diversen Stichworten gut auffindbar sind. Abschiedskultur im Internet, das könnte auch eine freundliche Mail sein:

„Danke, dass Sie bei uns Mitglied waren. Wir hoffen, Sie haben von unseren Angeboten profitiert und etwas für Sie Sinnvolles bekommen. Wir wünschen Ihnen gutes Weitersurfen.“

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2 Kommentare
  1. Juliane Uhl sagt:

    Hach, was für ein erfrischender Beitrag zum Thema digitaler Nachlass. Nachdem ich in den letzten Wochen immer so viele Texte gelesen habe, die eher Anzeigen waren (z.B. von Columba), erfreut mich die schlichte Logik dieser Zeilen. So können sich Menschen dem Thema sehr gut annähern. Ich wünsche eine schöne Woche, die für mich hierdurch super beginnt. Gern verlinke ich auf unserer FB-Seite – die wir auf Grund des Noch-am-Leben-seins bisher nicht löschen mussten 😉

  2. Mit dem Löschen ist es so eine Sache, deshalb sollte man sich vorher überlegen, auf welchem Portal man sich anmeldet. Gerade die Jugend ist da sehr voreilig. In der heutigen Zeit finde ich es optimal, wenn diese Thematik in der Schule abgehandelt wird.

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