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Mit Harfen und mit Schlagzeug schön. Tod, Trauer und Musik

14.08.2013
Ein Blogbeitrag von Barbara Rolf
Mit Harfen und mit Schlagzeug schön. Tod, Trauer und Musik
Anke Eiwen

Eigentlich wollte ich heute über etwas völlig anderes schreiben, aber nun will ich mich aus gegebenem Anlass einem Dauerbrenner widmen, der uns fast täglich beschäftigt und immer wieder zu unangenehmen Kontroversen führt: Musik am Friedhof.

Da wir im Großraum Stuttgart arbeiten, haben wir mit über 100 Geistlichen verschiedener Konfessionen und Religionen zu tun, mit zahlreichen Trauerrednerinnen und -rednern und vielen Musikerinnen und Musikern. Die Meinungen darüber, welche Musik die angemessene ist, um Verstorbene zu verabschieden und Trauernde zu stärken, sind zahlreich und könnten unterschiedlicher nicht sein.

Die Anliegen der Trauernden oder die zu Lebzeiten geäußerten Wünsche der Verstorbenen werden immer vielfältiger, kaum mehr etwas, was es nicht gibt.

In der Zusammenarbeit mit Trauerrednern/innen sind wir hier noch nie an Grenzen gestoßen, sie sind offen für das, was an sie herangetragen wird, und integrieren die jeweilige Musik in die Feier. Viele haben sogar große Freude an besonderen, ungewöhnlichen Titeln und nutzen diese, um die Ansprache zu individualisieren und ansprechender zu gestalten.

Auch zahlreiche Geistliche leben eine solche Offenheit, sind bereit, Wünsche zu erfüllen, auch wenn ein Stück mal gar nicht fromm und andächtig klingt, schlagen den Bogen von den Inhalten der Musik hin zu ihrer Verkündigung und gehen so auf die Menschen zu. „Hinterm Horizont geht’s weiter“ – das ist doch eine Steilvorlage, um auf die Auferstehungshoffnung zu sprechen zu kommen. Ausgehend von „Time to say goodbye“ kann man gut zu Jesu Abschiedsreden überleiten. Das Lied von der letzten Rose lässt sich wunderbar verbinden mit dem Psalm 103 („Ein Mensch ist in seinem Leben wie Gras, er blüht wie eine Blume auf dem Feld;  wenn der Wind darüber geht, so ist sie nimmer da, und ihre Stätte kennt sie nicht mehr.“) und das Lied „What a wonderful world“ mit der Rede von Gott, dem Schöpfer und Erhalter der Welt. Und gegen Formen, Worte, Zeichen und eben auch Musik, in der sich Liebe ausdrückt, sollte eine Religionsgemeinschaft, die für einen Gott steht (oder zumindest stehen sollte), der die Liebe ist, keine Einwände haben. Und weil jede Liebe ihre eigene Art und auch ihre eigenen Melodien hat, können es schon mal eigene oder eigenartige Klänge sein, mit denen sie beschrieben wird.

Oft erleben wir, dass Trauernde, die der Kirche fernstehen, mit solchem Verständnis, solcher Toleranz nicht gerechnet haben und sehr positiv überrascht sind.

Manche Geistliche haben die Bitte an uns herangetragen, Angehörige im Gespräch dafür zu sensibilisieren, dass es sich bei einer kirchlichen Bestattung ja auch um Gottesdienst handelt und dass es schön wäre, neben den „Lieblingsliedern“ auch ein, zwei religiöse Stücke einzuspielen oder singen zu lassen. Die allermeisten Familien sind da ganz offen und verständnisvoll. Manche sagen: „Da kennen wir uns halt gar nicht aus, da müssen Sie oder der Pfarrer uns bei der Auswahl behilflich sein.“ Kein Problem. Ein Pfarrer half uns sogar bei der Suche nach religiösen Titeln in Rock, Pop und Volksmusik, sodass wir inzwischen über ein tolles Archiv verfügen.

Und nun kommen die Problemfälle, die es schon immer gab, die sich in der letzten Zeit aber gehäuft haben. Drei Beispiele:

 

  1. Eine evangelische Familie wünschte sich ein „Ave Maria“, vorgetragen mit Orgel und Geige (ohne Text also und noch nicht einmal aus der Konserve), weil das auch an ihrer Hochzeit gespielt worden war und ihnen viel bedeutet. Der Pfarrer rief mich an und teilte mit, dass er die Trauerfeier nicht halten wird, wenn dort ein Ave Maria erklingt. Maria als „Mutter Gottes“ anzusprechen stehe im Widerspruch zur protestantischen Theologie. Ich kenne diesen dogmatischen Streit zwischen den Katholiken und Protestanten, weil ich das studiert habe. Aber dieser Familie war das erstens nicht bekannt und zweitens völlig egal. Das „Ave Maria“ ist für sie kein Bekenntnis, sondern ihr „Liebeslied“.
  2. Eine Witwe hatte die handschriftliche Notiz ihres Mannes vorliegen, der noch auf dem Sterbebett festhielt, dass er nicht möchte, dass bei seiner Trauerfeier gesungen wird. Er war ein hochmusikalischer Mensch und hat den unbeholfenen Gemeindegesang, begleitet von zweitklassigen Musikern an drittklassigen Instrumenten immer als Ärgernis empfunden. Der Pfarrer zeigte sich unbeeindruckt von dieser Verfügung und sagte: „Wir werden singen. Und zwar wie immer, wenn ich eine Beerdigung halte, drei Mal.“ So kam es dann auch.
  3. Eine Familie gab mir neulich eine CD mit, auf der sie die Lieblingsmusik ihrer verstorbenen Oma zusammengestellt hatten. Ich sagte ihnen, sie müssten das Thema Musik nochmals mit dem Pfarrer besprechen und dass es sein könne, dass er diesbezüglich noch eigene (andere) Wünsche und Vorstellungen hat. Wir hörten nichts mehr, was mich wunderte, aber gut. Am Tag der Bestattung war dann zu unserem Erstaunen eine Organistin da, die der Pfarrer ohne Rücksprache mit uns und der Familie einbestellt hatte (sie reklamierte dann aber bei uns, dass wir ihr kein Honorar mitgebracht hatten …). Sie spielte die Eröffnung und begleitete drei Gemeindelieder, die außer dem Pfarrer und mir keiner kannte. Nachdem dieser seinen Segen gesprochen hatte und gegangen war, erklang die Musik aus dem CD-Spieler. Alle vier Lieder hintereinander, ohne ein Wort dazu, ohne Erklärung, ohne Kontext. Ich war sprachlos.

Es könnten ungezählte weitere Beispiele angeführt werden, das würde aber den Rahmen sprengen, und letztlich ist die Problematik damit ja aufgezeigt. Die meisten der Lesenden werden das ohnehin kennen und Ähnliches erlebt haben.

Es stellt sich doch die Frage: Was ist das für eine Seelsorge, die an starren Prinzipien ängstlich festhält, anstatt sich auf den Menschen hin zu öffnen, der in Trauer ist, Verständnis braucht und Trost sucht? Und der die Wünsche seines lieben Verstorbenen erfüllen möchte und plötzlich erleben muss, dass ihm das verwehrt wird?

Ich kann mir beim besten Willen nicht vorstellen, dass es einen Gott gibt, der Silcherlieder mag, sich von Grönemeyer aber gestört fühlt, der Bach begrüßt, aber Panflötenmusik aus den Anden ablehnt, der sich an den Klängen einer Friedhofsorgel erfreut, das Schlagzeugsolo eines Enkels aber als Kränkung empfindet. Was ist denn das für ein Gottesbild?

 

Mein Wunsch, meine Hoffnung:

Wenn sich alle Beteiligten verpflichten, mit Respekt, rücksichtsvoll, tolerant und offen miteinander und mit der Sache umzugehen, dürfte einer bunten, vielfältigen, bewahrenden und zugleich neuschöpferischen Kultur der Abschiedsmusik nichts im Wege stehen. Dann kann Altes neben Neuem bestehen, Traditionen und neue Kulturen können nebeneinander wachsen, blühen und gedeihen, teils ohne Notiz voneinander zu nehmen, teils indem sie sich gegenseitig bereichern.

Für die Bestattung eines Punkers müssen keine Kantaten von Bach erklingen, doch darf man Verständnis von Punkern erwarten, wenn sich ihre Eltern für ihre Abschiedsfeiern eben solche Musik wünschen. Der Witwer einer Konzertcellistin wird niemals gezwungen sein, in der Feierhalle Musik von Xavier Naidoo oder den Flippers abspielen zu lassen, doch muss er es nicht negativ bewerten, wenn andere genau darin Halt und Antworten finden. Und eben diese anderen sollten hinhören, wenn für die Cellistin Musik von Telemann, Mozart oder Vivaldi erklingt, weil sie etwas von dem vermittelt, was ihr wichtig war, was sie gelebt, geliebt und geglaubt hat.

Mein Wunsch ist, dass wir uns für beides stark machen und einsetzen: für die Bewahrung des Bewährten, des Alten, des Gewachsenen, der Tradition, denn „der Gesang und die Noten sind köstlich“, sagt Martin Luther, „schade were es, das sie sollten untergehen“. Und zugleich für die Offenheit gegenüber neuen Ausdrucksformen von Trauer, Hoffnung, Klage, Schmerz und Erinnerung – damit es am Friedhof nicht so ganz anders klingt als im Leben des Menschen, der da verabschiedet wird.

Bei meiner Trauerfeier wird übrigens „So nimm denn meine Hände“ gesungen und „Geh aus, mein Herz, und suche Freud“, das steht fest. Jazz, Rock und Pop wird es auch geben, live, wenn möglich, sonst aus der Konserve. Auf jeden Fall laut.

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2 Kommentare
  1. Stefan Jäck sagt:

    Da kann ich Ihnen nur beipflichten. Aus meiner eigenen Berufserfahrung kann ich nur sagen, daß einige Pfarrer sehr konservativ sind und die Wünsche der Angehörigen und des Verstorbenen oft nicht respektieren. Das war schon immer so und wird auch gemacht.
    Dabei ist es doch so einfach….ein schöner Abschied für die Angehörigen…mehr nicht.

  2. Anke Falke sagt:

    Bin Mitglied einer Frei Kirche , und da geht es auch mal rockig zu . 😉
    Gott möchte das es uns gut geht. Weil er uns liebt.
    Daher glaube ich auch nicht das er etwas gegen bestimmte Musik hat.
    Das Probleme liegt da glaube ich eher bei den Pastoren und Kirchen.
    Wir wünschen uns das Ärzte sich an Patientenverfügungen also an den WUNSCH des Patienten halten.
    Schade das Pastoren nicht nach dem Wunsch es Verstorbenen fragen, oder einfach darüber hinweg gehen.
    Würde mir auch wünschen das sich das irgendwann wandelt.

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