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Nachgefragt

19.10.2010
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Nachgefragt
In Deutschland gilt "noch" der Friedhofszwang

In dieser Rubrik stellt adeo-online eine ausgesuchte Frage an die Branche des Bestattungsgewerbes, Vertreter von Verbänden und an den sogenannten Otto Normalverbraucher. Heute geht es um den Friedhofszwang in Deutschland:

Lesen Sie hier die Meinung der befragten Unternehmer, Persönlichkeiten und Bürger. Beteiligen Sie sich an der Diskussion und teilen Sie uns in einen Kommentar (siehe unten) Ihre Meinung dazu mit.

Frage:

Der Friedhofszwang ist für viele Bürger nicht nachvollziehbar. Die unterschiedliche Handhabung in den einzelnen Bundesländern führt oft zu Missverständnissen. Sollte der Friedhofszwang reformiert werden? Sollte man ihn gar ganz abschaffen? Welche Vorgehensweise wäre sinnvoll?


Antwort Dr. Kerstin Gernig, Geschäftsführerin des Kuratoriums Deutsche Bestattungskultur GmbH / e.V.

Anstelle von Friedhofszwang würde ich eher von Beisetzungspflicht sprechen, da bereits seit den 70er-Jahren des 20. Jahrhunderts Beisetzungen außerhalb von Friedhöfen möglich sind, wie die Seebeisetzung beispielsweise in speziellen kartographierten Beisetzungsarealen auf See oder auch sogenannte Baumbestattungen in dafür ausgewiesenen Wäldern seit Beginn des 20. Jahrhunderts. Es gibt eine Beisetzungspflicht in Deutschland, die sicherstellt, dass die Würde des Menschen über seinen Tod hinaus bewahrt wird, indem Verstorbene nicht der Beliebigkeit der Hinterbliebenen anheimgegeben werden. Die Bestattungskultur geht im christlichen Abendland auf die Grablegung Christi zurück. Seit dem Mittelalter gilt die Bestattung als siebtes Werk der Barmherzigkeit. Sie zählt zu den drei großen Übergangsritualen – Taufe, Hochzeit und Bestattung –, die in unserer Zeit zunehmend infrage gestellt werden. Deshalb wäre meines Erachtens eine verantwortungsbewusste Debatte über die Folgen von Reformen sinnvoll.

Antwort Melanie Schmitz, Hamburg, selbstständig

Ich wusste zwar, dass man beispielsweise nicht im eigenen Garten beerdigt werden darf, aber dass es einen richtigen „Friedhofszwang“ gibt, der noch dazu von Bundesland zu Bundesland anders aussieht, war mir neu. Ich bin ehrlich gesagt etwas zwiegespalten, was das Thema angeht: Zum einen möchte ich niemanden verpflichten, später mein Grab pflegen zu müssen (ich fand die Friedhofsbesuche als Kind immer lästig). Von daher würde ich persönlich alternative Bestattungsmöglichkeiten wie z.B. eine Seebestattung (das stelle ich mir so vor, dass meine Asche verstreut wird) bevorzugen. Auf der anderen Seite denke ich aber auch, dass man eine gewisse Fürsorgepflicht und Verantwortung den Hinterbliebenen gegenüber hat. Man selbst ist ja tot und merkt nichts mehr, aber für die Hinterbliebenen ist es sicher hilfreich, wenn sie eine Stätte haben, zu der sie gehen können, um ihre Trauer zu verarbeiten. Dieser Ort muss aber nicht zwangsläufig ein Friedhof sein. Den eigenen Garten halte ich zwar auch nicht für geeignet, um sich gedanklich irgendwann vollständig von dem Verstorbenen lösen zu können, aber ein besonderer Ort, der mit dem Verstorbenen und/oder Hinterbliebenen in Verbindung steht, z. B. ein Fleckchen im Wald oder am Strand, wo man immer gemeinsam spazieren gegangen ist, fände ich toll. Wenn so etwas rechtlich nicht möglich ist, wäre ich dafür, den Friedhofszwang zu reformieren!

Antwort Peter Wilhelm, Herausgeber Bestatterweblog.de

Inzwischen gibt es ja ganz mannigfaltige Möglichkeiten, wie man sich bestatten lassen kann und was hinterher zum Beispiel mit der Totenasche geschieht. Hier haben die Bestatter einfach (z. B. durch den Umweg über die Niederlande oder die Schweiz) dem Gesetzgeber vieles vorweggenommen. Dennoch bleibt bei den Menschen vor allem der Wunsch unerfüllt, die Totenasche auch einfach mit nach Hause nehmen zu dürfen. Irgendwann wird auch das möglich sein, die Harmonisierung der Gesetze innerhalb der EU wird hier eines Tages greifen.

Ich kann diesen Wunsch nachvollziehen, gebe jedoch auch zu bedenken, dass es nicht nur abendländische Tradition ist, seine Toten an einem zentralen Ort zu bestatten und dort einen Platz des Gedenkens und des Friedens zu finden. Würde nun jeder mit der Asche seiner Verstorbenen ganz nach persönlichem Gutdünken verfahren, könnte dies auf lange Sicht den Verfall unserer Friedhofskultur bedeuten. Friedhöfe haben eine zentrale Bedeutung als Gedenk- und Trauerstätte und erfüllen darüber hinaus auch eine wichtige Funktion als große Grünflächen und Parkanlagen. Mit anderen Worten: Wenn jeder seine Urnen zu Hause auf dem Kamin aufbewahrt, dann wird das Friedhofssterben weitergehen. Deshalb sollten sich die Friedhofsverwaltungen dringend alternativen und kostengünstigeren Bestattungsformen öffnen, wie sie das vielerorts ja schon tun. Nur wenn der Friedhof in meiner Stadt auch die kostengünstige Verstreuung der Asche unter einem Baum ermöglicht, entfällt der Wunsch nach einer Verstreuung auf einer Schweizer Bergwiese.

Antwort Linda Arckel, Düsseldorf, Mutter

Dass man nicht überall einfach so eine Leiche verbuddeln darf, kann ich schon verstehen, aber über die Asche der Verbliebenen sollte doch frei verfügt werden können. Meinen Großvater besuche ich auf dem Friedhof nie. Ich fände den Gedanken schön, seine Asche in seinem Garten zu verstreuen, und wenn er für mich irgendwo noch anwesend ist, dann sowieso nur da.

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1 Kommentar
  1. Als ich mehr zufällig erfuhr, dass mein Vater die Absicht hatte, sich mit Rücksicht auf die Familie (gemeint war die Vermeidung der Grabpflege) anonym bestatten zu lassen, habe ich sehr stark empfunden, wie wichtig mir ein konkreter Trauerort oder Ort des Gedenkens ist. Ihm war dieser Aspekt gar nicht bewusst gewesen. Nach einem längeren Gespräch über das Thema hat er sich jetzt für den Kauf eines Urnen-Wahlgrabes entschieden. Ich denke, dass dieser Entschluss auch für meine Geschwister von Bedeutung ist, selbst wenn wir – weit verteilt – nur relativ selten zum Grab werden kommen können.
    Sein Bekannten- und Freundeskreis vor Ort ist groß und alle diese Menschen hätten keine Gelegenheit ihn zu „besuchen“, wenn er irgendwo verstreut wäre. Auf der anderen Seite ist die Ruhezeit auf dem Friedhof begrenzt, Urne und Grabmal werden eines Tages geräumt…
    Letztendlich also doch eine sehr persönliche, keinesfalls allgemeingültig zu beantwortende Frage.
    Eine Liberalisierung täte allerdings vielen Bereichen des Friedhofswesens gut, da bei erweiterten Gestaltungsmöglichkeiten auch die Bereitschaft steigen könnte, ein modernisiertes Angebot der Friedhöfe anzunehmen.

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