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Niemand alleine lassen

27.01.2015
Ein Blogbeitrag von Hanna Roth-Thiele und David Roth
Niemand alleine lassen

Lieber Leserinnen und Leser unseres Blogs,

als Bestatter und Trauerbegleiter begleiten wir jedes Jahr viele Trauernde in einer sehr schweren – wenn nicht der schwersten – Lebensphase. Der Verlust eines geliebten Angehörigen, Freundes oder Partners stellt eine Ausnahmesituation dar, auf die die meisten Menschen nicht vorbereitet sind.  Trauer und Sterbekultur wurden in unserer Gesellschaft aus dem täglichen Leben verbannt und deshalb sind wir oft hilflos, wenn es passiert.

Natürlich stellt sich Betroffenheit ein, wenn wir die Bilder von der Trauer um die Opfer von Attentaten sehen, oder medial am Abschied eines Prominenten teilnehmen. Betroffenheit ist keine Trauer, man kann sie mit den Gefühlen, die wir beim Verlust eines Menschen erleben, der uns nahestand, nicht vergleichen.

Wir sollten die Trauermärsche und Kundgebungen zum Anlass nehmen, darüber nachzudenken, wie wir im Fall der Fälle mit unserer eigenen Trauer oder der eines uns nahestehenden Menschen umgehen. Wir sollten Trauernde in Zukunft weniger alleine lassen – ganz so, wie es die Menschen in den letzten Wochen bei den öffentlichen Trauerzeremonien getan haben.

Denkanstoß 12    Niemand alleine lassen

„Je suis Charlie“, dieser Satz drückt nicht nur Protest gegen den Anschlag auf unsere Meinungsfreiheit aus. In diesen drei Worten steckt auch große Anteilnahme mit den Angehörigen der Opfer und Betroffenheit und Trauer über den Tod der Karikaturisten und der anderen Ermordeten in Paris in dieser ersten Januarwoche 2015. Millionen Menschen haben ihren Schmerz und ihre Bestürzung bei Trauermärschen und auf Kundgebungen öffentlich gezeigt. Sie haben den Trauernden damit klar gemacht: „Ihr seid nicht alleine. Wir teilen euren Schmerz, auch wenn wir die Ermordeten gar nicht persönlich gekannt haben.“ 

Warum tun sich viele Menschen so schwer damit, in ihrem direkten Lebensumfeld, in ihrem Alltag ihre Trauer und Anteilnahme zu zeigen. Mit vielen anderen zusammen gelingt uns das. Nach dem Tod von nahen Angehörigen wird der aufgewühlte Seelenzustand oft verschwiegen. Viele trauern nach innen und versuchen alles, was mit den endgültigen Abschied zu tun hat, möglich weit von sich zu schieben. 

In unserem Bestattungshaus versuchen wir den Menschen Mut zu machen, ihre Trauer auszuhalten, sie zu zeigen. Denn darum geht es. Trauer ist keine Krankheit, die kuriert werden muss. Trauer ist genauso natürlich wie Liebe. Wenn wir verliebt sind, dann delegieren wir romantische Spaziergänge im Schnee oder ein Abendessen bei Kerzenschein auch nicht an jemand anderen. Wer es schafft, an dieser Stelle involviert zu bleiben, der wird spüren, dass Trauer eine ganz andere Qualität bekommt. 

Man muss vor Toten keine Angst haben. Ein paar Stunden am offenen Sarg zu sitzen, den Toten zu berühren, sich wirklich in einem stillen Moment zu verabschieden, sind wertvolle Erfahrungen.
Wenn Sie gerade um einen lieben Freund oder den Vater, die Mutter trauern, dann verbergen Sie Ihre Tränen nicht. Zeigen Sie Ihren Kollegen und Bekannten, wie es Ihnen geht. Sprechen sie über Ihren Kummer. Manchmal muss man dem Gegenüber ein Signal senden, damit er sich öffnet. Wir erleben täglich, wie gut es tut, nach einem Verlust Gemeinschaft zu spüren. Alle die im Moment nicht in Trauer sind, sollten nicht achtlos darüber hinweg sehen, wenn Sie jemandem begegnen, der einen Toten zu beklagen hat. Schön wäre, wenn wir den Menschen um uns herum, genauso viel Beachtung schenken würden, wie den Toten, die über die Medien Betroffenheit bei uns auslösen. Niemand sollte in einer so schweren Zeit alleine sein müssen.

Herzlichst,
Hanna Thiele-Roth und David Roth

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