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Nimm, Feuer, den Leib. Gedanken zur Feuerbestattung

12.09.2013
Ein Blog-Beitrag von Barbara Rolf
Nimm, Feuer, den Leib. Gedanken zur Feuerbestattung
Foto: Barbara Rolf

Als ich vor über zehn Jahren mit der Bestattungsarbeit begonnen habe, war es unüblich und in einigen Krematorien auch gar nicht zulässig, dass Trauernde bei der Einäscherung des verstorbenen Menschen anwesend sind. Dann teilten uns verschiedene Krematorien nach und nach mit, dass Angehörige von nun an dabei sein können, wenn der Sarg dem Feuer übergeben wird. Es hatte wohl immer wieder entsprechende Nachfragen gegeben. Anfangs konnte ich mir nicht so recht vorstellen, warum Menschen diesen Wunsch haben könnten, sah in der Einäscherung des Leichnams in erster Linie einen technischen Vorgang, nicht viel mehr als eine reine Notwendigkeit, wenn eine Urnenbestattung gewünscht wurde. Durch zahlreiche Gespräche mit Trauernden, Vorsorgenden und Kollegen, vor allem auch durch die Auseinandersetzung mit Bestattungskulturen anderer Länder und Religionen, die in der Feuerbestattung einen heiligen und für den „Hinübergang“ der Toten sehr wichtigen Vorgang sehen, habe ich nach und nach ein anderes Verständnis dafür entwickelt.

Heute sehe ich in der Kremation des Leichnams den eigentlichen Bestattungsakt (oder zumindest einen wesentlichen Teil desselben) – die Übergabe des Körpers in das Element Feuer, analog zur Übergabe in das Element Erde bei Erdbestattungen. Der Leib, die Gestalt wird nun aufgelöst, spätestens jetzt (so nehme ich an) vollzieht sich die Trennung von Körper, Geist und Seele. Eine Konsequenz, die ich für mich daraus gezogen habe, ist eine ablehnende Haltung gegenüber „zu rasch“ durchgeführten Kremationen. Natürlich richten wir uns als Dienstleister in erster Linie nach den Wünschen und Bedürfnissen der Angehörigen und haben auch schon nach Ablauf der Mindestwartezeit von 48 Stunden kremieren lassen, plädieren aber eigentlich für eine Ruhezeit von mindestens drei Tagen, ehe ein verstorbener Mensch feuerbestattet wird. In meiner eigenen Vorsorge bitte ich um mindestens sieben Tage der Totenruhe vor meiner Einäscherung.

Eine weitere Konsequenz aus der neuen Sichtweise ist, dass wir Angehörige heute immer fragen, ob sie die Kremation begleiten möchten. Die meisten sind von dieser Frage überrascht, weil sie nicht damit gerechnet haben. Einige möchten das auf keinen Fall, andere möchten den Termin kennen, aber nicht hinzukommen, immer mehr nehmen das Angebot an, vor Ort zu sein und sind sehr dankbar dafür.
Erst letzte Woche schrieb uns der Sohn einer Verstorbenen diese Zeilen: „Danke auch, dass Sie mich darauf hingewiesen haben, dass es die Möglichkeit gibt, im Krematorium dabei zu sein, wenn der Sarg dann tatsächlich eingeäschert wird. Diese Etappe auf dem Weg meiner Mutter zu erleben, war mir sehr viel wert. Herr Müller (Name geändert) hat mir sogar angeboten, meine Mutter nochmals zu sehen, was ich nach anfänglichem Zögern doch angenommen habe. Es war vielleicht sogar der eindrücklichste Moment in der ganzen Woche mit so vielen bewegenden Eindrücken, die es nun erst mal zu verarbeiten gilt.“

Die Mitarbeitenden des städtischen Krematoriums, das wir hauptsächlich anfahren, begrüßen die Angehörigen freundlich, zeigen und erklären ihnen alles und ermöglichen ihnen, falls gewünscht, den Verstorbenen nochmals zu sehen. (Da wir die Versorgung in aller Regel NACH der amtsärztlichen Untersuchung machen, ist das problemlos möglich.) Sie stellen dann eine brennende Kerze auf den Sarg und bieten den Anwesenden an, noch Teelichter zu entzünden und ebenfalls auf den Sarg zu stellen. Wenn sie Blumen dabei haben, dürfen sie diese auch darauf legen (sofern es nicht allzu viele sind). Die meisten gehen wieder, kurz nachdem der Sarg eingeführt wurde, manche bleiben aber auch dabei, still oder interessiert fragend. Zu meinem anfänglichen Erstaunen nehmen auch immer wieder Menschen (darunter oft auch Kinder, wenn sie denn gelassen werden) das Angebot an, während der Kremation in den Ofen zu schauen und den Verwandlungsprozess zu verfolgen.

Was sind die Beweggründe für Trauernde, zur Feuerbestattung zu kommen? Welchen Sinn sehen sie darin? Sechs Begründungen sind mir bislang begegnet:

1. Viele sind dankbar, Termine zu haben, die die Zeit zwischen Tod und Bestattung strukturieren und füllen.

2. Häufig gibt es Ängste und Unsicherheiten in Bezug auf die Krematorien: Wird jeder Sarg einzeln verbrannt? Wie kann ich sicher sein, dass in der Urne die Asche meines verstorbenen Angehörigen ist?

3. Manchen ist der Schritt vom Sarg zur Urne zu groß, zu abstrakt. Die Anwesenheit bei der Einäscherung ist eine „Zwischenstation“, die den ganzen Prozess besser begreifen, nachvollziehen lässt.

4. Angehörige, die den verstorbenen Menschen durch Krankheit, Pflege und Sterben begleitet haben, äußern oftmals den Wunsch, diese Begleitung so intensiv und kontinuierlich wie möglich fortsetzen zu können.

5. Die spirituelle Stärkung des Verstorbenen ist für manche die Motivation, dazuzukommen. Wir erleben hin und wieder auch, dass sie bestimmte Texte lesen, Musik machen, Rauchwerk oder andere Beigaben in oder auf den Sarg legen.

6. Manche wünschen sich, dass wir dieses Geschehen mitgestalten und ihnen dadurch eine Deutung desselben an die Hand geben, die ihnen hilft, das zu verstehen und (spirituell) einzuordnen.

 

Eine solche von uns gestaltete Kremation (Name der Verstorbenen geändert) möchte ich hier abschließend vorstellen. Vielleicht kann sie für die eine oder den anderen Anregung für die Arbeit mit Verstorbenen und Trauenden sein.

Einführung

Guter Geist sei in diesem Raum gleich dem Vollmond inmitten von Sternen.
Mögen wir die Einzigartigkeit dieses Lebens begreifen, mit allen seinen Freiheiten, seinen Tugenden, seinen Leiden, seinen Freuden, seinen Höhen und seinen Tiefen.

Lichtritual

Anna Schuster, wir zünden Kerzen an für Dich und für uns alle. Sie sind Zeichen für das Licht des Lebens und der Liebe, das stärker ist als die Schatten des Todes. (Die Anwesenden dürfen Teelichter entzünden und auf den Sarg stellen.)

Blumenritual

Wir legen Blumen auf Deinen Sarg. Sie sind Symbole für Werden und Vergehen, für den Kreislauf des Lebens, für den Sieg des Lebens über den Tod. Und sie sind Zeichen für Verbundenheit und Liebe. (Die Anwesenden dürfen Blumen auf den Sarg legen.)

Deutewort zur Feuerbestattung

Jetzt geben wir her, was wir nicht behalten können, wir lassen los, was wir nicht festhalten können und übergeben ihren Leib dem Feuer. Ihr Geist und ihre Seele gehen andere Wege. (Wer möchte, kann jetzt seine Hände auf den Sarg legen.)

Nehmt Abschied, Augen, Segen und Frieden allem, was ihr gesehen und betrachtet habt. Schaut jetzt das Licht. Nehmt Abschied, Ohren, Segen und Frieden allem, was ihr gehört und vernommen habt. Hört jetzt den Ruf in neues Leben. Nimm Abschied, Mund, Segen und Frieden allem, was du gesagt und ausgesprochen hast. Stimme jetzt ein in den Lobgesang der Engel und himmlischen Wesen.

Nehmt Abschied, Hände, Segen und Frieden allem, was ihr getan, geschaffen, berührt und gehalten habt. Öffnet euch jetzt und empfangt die Gaben der Ewigkeit. Nehmt Abschied, Füße, Segen und Frieden jedem Ort den ihr betreten habt, jedem Weg, den ihr gegangen seid. Geht jetzt ins Licht.

Nimm, Feuer, ihren Leib, ihr abgelegtes Wanderkleid.

Nimm, Himmel, ihren Geist und ihre Seele.

Behaltet, Herzen, diesen Menschen.

Feuerbestattung

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9 Kommentare
  1. Ein Freund(Fotograf) von mir hat erzählt, er habe in Indien mehrere Tage lang den ewigen Feuern am Ganges zugeschaut. Die Menschen werden traditionell ja ohne Sarg dem Feuer übergeben. Er betonte, dass diese Erfahrung eine immense und nachhaltige spirituelle Wirkung auf ihn hatte.

  2. Ich habe sehr gute Erfahrungen mit Verabschiedungen direkt im Krematorium, weil man hier unglaublich schöne Rituale anbieten kann, um das bewusste Gehenlassen eines Menschen tröstlich zu unterstützen. Allerdings übelasse ich das niemals den Mitarbeitern des Krematoriums, wir machen das grundsätzlich selbst: Derjenige, der die Aufnahme macht, ist auch für Abschied und Feierlichkeiten zuständig. Für die Angehörigen ist ein durchgehender Ansprechpartner wichtig. Die Feiern und Abschiede im Krematorium sind dann natürlich entsprechend individuell, da der jeweilige Begleiter der Familie, die Familie und auch den Verstorbenen mittlerweile sehr gut kennt. Wir haben aber hier bei uns den Vorteil, dass wir beide Krematorien in unserer Nähe haben und das sehr gut mitanbieten können, ohne dass große Zusatzkosten auf die Angehörigen zukommen.

  3. Barbara Rolf sagt:

    Das finde ich sehr schön!

    Und die regionale Nähe des Krematoriums haben wir auch sehr zu schätzen gelernt und möchten sie nicht mehr missen.
    Es freut mich, dass Sie diese Erfahrung auch machen. Hier wird oft behauptet, es sei „egal“, wo eingeäschert wird, so lange es günstig ist. Da stehen mir immer die Haare zu Berge…

    Bei uns entscheiden die Angehörigen über den äußeren und inhaltlichen Rahmen einer solchen Verabschiedung/Feier. Wenn sie den Wunsch haben, dass „ihr/e“ Berater/in vor Ort ist, wird das entsprechend organisiert. Ob sie Worte, Musik oder Zeichenhandlungen wünschen, klären wir auch von Fall zu Fall. Es ist so unterschiedlich.
    Wenn wir nicht dabei sind, wissen wir sie bei den Mitarbeitern des hiesigen Krematoriums in den besten Händen. Ein gutes Gefühl, Teil eines Netzwerks zu sein, das das Gleiche möchte: Verstorbene und ihre Lieben gut zu begleiten.

  4. Barbara Rolf sagt:

    Das glaube ich sofort, Frau Ulitzka.
    Selbst erlebt habe ich das bislang noch nicht, aber schon allein die Bilder und Berichte von den Indischen Bestattungsorten sind absolut faszinierend.
    Eine Einäscherung unter freiem Himmel würde mir auch gefallen.

  5. Barbara Rolf sagt:

    Eben schrieb ein Angehöriger, der hier mitliest, folgende E-Mail:
    „Wir sind sehr dankbar, dass wir vor 5 Jahren Gelegenheit hatten, die Verbrennung meines Schwiegervaters erleben zu können. Wer das nicht erlebt, dem fehlt meines Erachtens ein wichtiges Bindeglied zwischen Tod, Abholung, Trauerfeier und Beisetzung der Asche. Ich kann das nur jedem raten, der in der Lage ist, das ist auszuhalten.“

  6. Juliane Uhl sagt:

    Danke für diesen schönen Artikel. Auch wir bieten die Einäscherung im Beisein der Angehörigen an und haben unsere Feierhalle derart gestaltet, dass der Sarg von der Trauerfeier direkt zum Ofen begleitet werden kann. Das Angebot wird, wenn auch nicht oft, doch wahrgenommen und ich halte es für sehr wichtig.

    Persönlich habe ich nämlich genau auf Grund dieses fehlenden Schrittes einen kleinen Schock erlitten. Dieser ereilte mich genau in dem Moment, als ich die Urne sah, als plötzlich nicht mal annähernd eine menschliche Form möglich war, die in einem Sarg vorstellbar ist. Zum Glück habe ich sowohl Sargfeier als auch Urnenbeisetzung mit erlebt. Hier ist es aber immer mehr Brauch oder Zwang, dass nur noch Urnenfeiern stattfinden. Das es also zwischen dem Eindruck des lebbenden Menschen und der Ansicht der Urne keine Zwischenschritte gibt. Ich könnte das nur schwer verarbeiten.

    Ich denke, dass den Menschen behutsam beigebracht werden muss, dass ein Abschied in all seinen Schritten Sinn macht. Danach ist es zu spät. Da aber leidr die Kostenfrage die entscheidende ist, wird es immer mehr Weniger geben. Alles, was nicht verpflichtend ist, wird gestrichen. Leider.

  7. Barbara Rolf sagt:

    Ich denke, das würde mir auch so gehen, Frau Uhl. Von der letzten Begegnung im Leben direkt zur Urne – da käme ich vermutlich nicht mit. Ein Freund kam neulich von der Bestattung seines Onkels zurück, wo es genau so gewesen war. Er war geschockt und fragte sogar, ob so etwas überhaupt erlaubt sei!
    Auch hier wird die Urnentrauerfeier in großen Schritten von der Ausnahme zur Regel. Und es gibt ja auch einige vom Geld unabhängige Argumente, die durchaus dafür sprechen, diese Feiergestalt zu wählen. Aber dann werden diese Zusatzangebote umso wichtiger: Hausaufbahrung, gemeinsame Einbettung, begleitete Kremation… Die Begegnung mit dem Verstorbenen, die Konfrontation mit seinem Leichnam sollte m.E. nicht ersatzlos gestrichen werden.
    Super, dass Sie das auch im Blick haben und Ihr Haus solche Stationen, Trittsteine bewusst anbietet!

  8. St. Martin sagt:

    Sehr geehrte Frau Rolf,
    in Ihrem Blogg schreiben Sie, „Der Leib, die Gestalt wird nun aufgelöst, spätestens jetzt (so nehme ich an) vollzieht sich die Trennung von Körper, Geist und Seele.“
    Wenn der Mensch stirbt, wenn sein Lebensatem (Näfäsch /hebr.) ausgehaucht wird dann ist der Mensch nach dem Text im Mose tod. „Der Mensch ist ein lebendige Seele“ – nicht Körper und Seele getrennt – sondern er ist eins. Ohne Seele (im NT „hä psyche“ (griechisch) kann der Körper nicht auf Erden sein. Er ist Erde, Staub und wird zu dem auch wieder werden.
    das wird einem dann Bewußt wenn man in der Traumtehrapie mit Menschen arbeitet. Wenn die Seele, die Psycje krank ist, wird der Körper auch krank und auch umgekehrt.
    Ich glaube das wir Menschen ein lebendige Seele sind. Und nach dem Tod zurück in eine neue Dimension. Ich glaube die Dimension nennt man auf Erden Himmel.

  9. Ich wußte nicht, dass es diese Möglichkeit überhaupt gibt. Danke für den wertvollen Beitrag

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