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Sargverkäufer, Berater, Begleiter? Gedanken zu Bedeutung und Wert unserer Arbeit

25.03.2015
Ein Blog-Beitrag von Barbara Rolf
Sargverkäufer, Berater, Begleiter? Gedanken zu Bedeutung und Wert unserer Arbeit
Foto: Franziska Molina

Unsere Mitarbeiterin Anja Müller traf sich vor einigen Tagen zum kollegialen Austausch mit anderen Bestattern aus dem ganzen Bundesgebiet. Eigentlich sollte und wollte ich selbst nach Flensburg fahren, aber dann kam wieder alles anders, und ich durfte einen weiteren Schritt gehen auf dem Weg des Abgeben-und-loslassen-Lernens. Sehr gut!

Da ich mich verpflichtet hatte, ein kleines Impulsreferat zum Thema Kalkulation und Preisgestaltung zu halten, musste sie auch hier in die Bresche springen, und sie hat das toll gemacht.

Die Vorbereitung ihrer Dienstreise brachte uns dazu, wieder einmal intensiv über das nachzudenken, was wir Tag für Tag tun, womit wir unser Geld verdienen und wie wir das machen.

Es ist ein sensibles Thema in dieser Branche, in Gesellschaft und Öffentlichkeit, aber doch ein sehr wichtiges, zumal sich zeigt, dass wir mehr und mehr Rechenschaft ablegen müssen für das, WAS wir verlangen und WOFÜR wir Geld nehmen. Ich bin ganz sicher, dass wir langfristig nicht umhin kommen, Preise transparenter zu gestalten und das zu berechnen, was wir wirklich können und tun. Umsatz im wesentlichen über den Verkauf von Produkten zu generieren, ist meines Erachtens weder transparent noch klug.

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Ich möchte den März-Beitrag nutzen, unsere Gedanken zum Thema hier zu teilen und zur Diskussion zu stellen.

 

1. Die gegenwärtige Situation

Wie ist die gegenwärtige gesellschaftliche Situation, in welchem Kontext leben und arbeiten wir?

Unsere Gesellschaft überaltert. Und sie ver“single“t. Es gibt immer mehr Menschen, die niemanden haben, der an ihrer Seite ist, der ihnen mit Rat und Tat hilft, der gemeinsam mit ihnen durch schwere Zeiten geht. In Bezug auf unsere Branche (natürlich gilt das auch für viele andere) gibt es bei einem Großteil der Bevölkerung wenig Wissen, zugleich immer mehr Angebote und Möglichkeiten, viel Plan- und Orientierungslosigkeit, entsprechend viel Beratungsbedarf.

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Schon seit einigen Jahren leben wir in der Zeit des Pluralismus – Weltanschauung, Lebensentwürfe, Geschmack… alles geht. Schon lange und immer mehr leben wir in einer multikulturellen Gesellschaft, Religionen Rituale, Traditionen existieren nebeneinander, beeinflussen sich, vermischen sich.

Immer mehr Menschen haben finanzielle Nöte und Sorgen, die, die nicht oder nur kaum aufs Geld achten müssen, sind selten und werden in Zukunft noch weniger sein.

Individualität wird großgeschrieben, die Menschen möchten sich verwirklichen, ihr eigenes Leben leben, selbst entscheiden, gestalten, mitreden, ja sagen dürfen und nein. Das gilt auch und in besonderer Weise für Sterben, Tod und Bestattung.

All das bedeutet für unsere Beratungsarbeit, dass der sog. „Normalfall“ selten wird und die Ausnahme zur Regel. Jeder Trauerfall ist anders. Kaum einer ohne eine besondere Herausforderung, etwas Neues, eine Problematik, ohne Sonderwunsch.

Dadurch wird der Anspruch an die Beratung des Bestatters immer größer. Auch ist ein steigendes Bedürfnis nach Zuwendung und Betreuung festzustellen, eben wegen der sog. Vereinzelung der Menschen, auch wegen der abnehmenden Bindung an Kirchen und andere Religionsgemeinschaften… Menschen, die das nicht haben, suchen woanders Halt und Ansprache, brauchen Ersatz für die seelsorgenden Institutionen, für den fehlenden Halt in einer Familie.

All das hat dazu geführt, dass der Anspruch an diesen Berufsstand deutlich gestiegen ist und dass auch der Einfluss des Bestatters in den vergangenen Jahren enorm zugenommen hat. Was er sagt, wozu er rät, was er unterstützt und was er ablehnt… all das wirkt sich massiv auf die Gestaltung des einzelnen Begräbnisses und auch auf die Bestattungskultur eines Ortes, einer Gemeinde aus. In vielen, vermutlich in den meisten Fällen ist er erster Ansprechpartner (und damit Weichensteller), er ist Knotenpunkt im Netzwerk der vielen Beteiligten.

Neben der täglichen Arbeit muss er Augen und Ohren offen haben, mitbekommen, was sich tut in den Bereichen Tod, Bestattung und Begleitung Trauernder, muss sich informieren über neue Angebote, Bestattungsarten, Entwicklungen, um denen, die zu ihm kommen, alle Möglichkeiten aufzeigen zu können, die sie haben bzw. die für sie sinnvoll sein könnten. Gleichzeitig darf er sich nicht verzetteln, braucht ein Gesicht, eine Linie, muss sich für das eine und gegen das andere entscheiden.

Eine Branche, die noch vor wenigen Jahrzehnten recht konstant und überschaubar war, ist jetzt in großer Bewegung, in vielfältigen Wandlungsprozessen – wie die Gesellschaft überhaupt.

 

2. Was tun wir da eigentlich?

Im Arbeitsalltag, in den zahlreichen Aufgaben, Pflichten und Sorgen, die Unternehmer und Arbeitnehmer haben, verlieren wir schnell den Blick für den eigentlichen Inhalt unseres Tuns.

Das, was für mich Alltag geworden ist, das Sterben, der Tod von Menschen ist für die, die wir begleiten, ein existentielles, unendlich bedeutsames Ereignis. Der Tod gehört zu den ganz großen Momenten im Leben eines Menschen.

Sich das immer wieder bewusst zu machen, ist nicht leicht, aber wichtig.

Dass Angehörige uns ihre Verstorbenen anvertrauen, ist eine Ehre, das Handeln am Leichnam ein „heiliger Dienst“. So war es zu aller Zeit in jeder Kultur, in jeder Religion. Das natürliche Gespür dafür müssen wir, muss unsere Branche wiedergewinnen, verinnerlichen und behüten.

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3. Wer soll das bezahlen?

Wir brauchen zunehmend Verständnis für Menschen, die über wenig Geld verfügen. Dennoch haben sie, weil das jeder Mensch hat, ein Recht auf einen guten Abschied und ein würdevolles Begräbnis.

Die knapper werdenden Mittel sind sowohl Gefahr als auch Chance für die Branche. Es werden mehr und mehr diejenigen Bestatter sein, die diese Arbeit machen wollen, weil sie ihnen Herzensanliegen ist, weil sie das gut können und einfach machen wollen, nicht einfach nur deshalb, weil das extrem lukrativ ist. Das ist gut und eine große Chance für die menschlichere und aufrichtigere Entwicklung dieser Branche.

Aus der Tatsache, dass ein großer Teil der Angehörigen heute aufs Geld achten muss, resultiert unter anderem die Gefahr, dass Billigbestatter die finanziellen Sorgen Hinterbliebener ausnutzen und durch unethische Vorgehensweise die Branche, unsere Bestattungskultur und damit unsere Kultur überhaupt beschädigen. Dem können (und müssen) wir etwas entgegensetzen, wenn wir faire und transparente Preise machen und sie so gestalten, dass Menschen mit knapperen Mitteln nicht in die Arme dieser Firmen gedrängt werden.

 

4. Dienstleistung

Eine nähere Betrachtung dieses Wortes lohnt sich: „Dienen“ steckt darin und „Leisten“.

Wenn der Bestatter lernt, sich mehr als das zu verstehen, was er ist, nämlich als Dienstleister und nicht als Händler oder Verkäufer, bringt das neue Perspektiven, Freiheiten und Möglichkeiten.

Das Produkt rückt in den Hintergrund, der Dienst und die Leistung, die Beratung, das Wissen, das Handeln, das Begleiten, das Verstehen, das Erfüllen von Wünschen, das Organisieren, der Einsatz für die Angehörigen, das Fahren, das Erledigen, die Pünktlichkeit, die Qualität rücken in den Vordergrund.

Das ist doch auch unsere tägliche Realität. Also sollten wir das in unserer Preisgestaltung abbilden. Das ist Transparenz.

Außerdem kann das Angst nehmen und Freiheit schenken.

Wenn ein Bestatter meint, auch in Zukunft seinen ganzen Umsatz durch den Verkauf von Produkten, von Särgen, Wäsche, Urnen, Kreuzen generieren zu müssen, wird er vermutlich bald in Schwierigkeiten geraten… Einen Sarg kann ich selbst bauen oder vielleicht brauche ich bald gar keinen mehr, nehme einen aus Pappe oder eben den einfachsten Naturholzsarg (und ich lasse mir nicht mehr lange erzählen, dass die nicht erlaubt sind, dass die nur Sozialhilfeempfänger kaufen dürfen…), die Schmuckurne mache ich selbst oder verzichte drauf oder kaufe sie für 30€ online ein, Trauerkarten drucke ich selbst oder nutze einen der günstigen Onlineanbieter…

Hauptteil des Umsatzes muss, wenn ich noch regelmäßigen und verlässlichen Umsatz pro Trauerfall machen will, aus unserer Zeit, unserem Engagement, unserem persönlichen und menschlichen Einsatz resultieren und aus dem unserer Mitarbeitenden. Wenn das nicht bezahlt wird, können wir es uns nicht leisten und das alles für den Kunden, den Trauernden auch nicht erbringen. Keiner wird bereit sein, mir für einen Sarg, den er identisch auch für 90€ bekommt, 700€ zu bezahlen. Aber er wird mir meinen Einsatz, meine Zeit, mein Dasein, meine Erreichbarkeit, meinen Dienst und meine Leistung, die er sieht, erlebt und spürt gerne entlohnen. Da, wo wir den Unterschied machen zu Billiganbietern und Discountern, da muss auch der Preisunterschied liegen, von da muss er sich begründen und muss dem Angehörigen transparent gemacht werden.

Die Einführung einer Dienstleistungspauschale bringt finanzielle Sicherheit, Transparenz und Freiheit! Ich mache mich los vom Produktverkauf, ich mache mich los vom Märchenerzählen. Ich befreie mich von dem Druck, Menschen, die jetzt meinen ehrlichen Rat, meine Hilfe brauchen, Sachen „aufschwätzen“ zu müssen, die sie beim besten Willen nicht brauchen. Dann brauche ich mich auch nicht mehr zu „fürchten“ vor Angehörigen, die den Sarg selbst bauen oder nur einen ganz einfachen haben wollen, die eine Urne selbst töpfern oder die Kapsel einfach in ein selbstgestaltetes Tuch hüllen möchten, die keine Deckengarnitur kaufen sondern eigene Sachen verwenden wollen, sondern kann mich einfach nur daran freuen, solche Bestattungen begleiten zu dürfen. Und an dem Dank und an der Empfehlung von Angehörigen, die sich gut und aufrichtig begleitet fühlten.

 

5. Haltung und Voraussetzungen

Unverzichtbar für diesen Beruf, wie er sich heute darstellt, ist ein aufrichtiges Interesse am Menschen, Offenheit gegenüber den verschiedensten Lebensentwürfen und Weltanschauungen.

Der Blick auf den Trauernden muss ein Blick auf einen Mitmenschen, nicht nur auf einen Kunden sein.

Wir brauchen, um richtig beraten zu können, Menschenkenntnis, Geduld und Empathie.

Moral und Tugend werden wieder „in“ und eingefordert. Wir erleben gerade den Pendelschwung von materiellen zurück zu menschlichen/ethischen Werten. Ärzte, Politiker, Kirchenmänner und –frauen, Banker, Bestatter, Manager müssen gerade feststellen (und zum Glück ist das so), dass ihr Status von der Gesellschaft in Frage gestellt wird. Eine andere Moral wird eingefordert: Ehrlichkeit, Transparenz, Güte, Rückgrat, soziales Denken, Charisma, das Übernehmen von Verantwortung, das Halten von Versprechen.

 

6. Ausblick

Wenn wir so arbeiten, wird sich auch das sehr angeschlagene Image unserer Branche verbessern. Ein guter Kreislauf wird in Gang kommen, Geld von alleine in Fluss bringen, weil Wertvolles gerne bezahlt wird. Dann dürfen sich alle Beteiligten freuen…

  • an gut bestatteten und verabschiedeten Verstorbenen,
  • an zufriedenen Kunden und Trauernden, die einen guten Start auf ihre Trauerwege hatten,
  • an einem Berufsstand mit einem verdienten guten Ruf,
  • an einer Bestattungskultur, die sich – auch hinter den Kulissen – sehen lassen kann,
  • über Bestatter, die mit Freude und Herzblut eine Arbeit machen, die sie und ihre Mitarbeitenden verlässlich versorgt.

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6 Kommentare
  1. Ute Beetz sagt:

    Ist wirklich sehr schön geschrieben und wieder mal auf den Punkt gebracht !

  2. Klaus Wagner sagt:

    Als Bestatter, aber auch als 2. Vorsitzender des Verbandes unabhängiger Bestatter kann ich diesen Artikel nur voll und ganz unterstützen.

    Wir arbeiten in einer nicht allzu großen Kreisstdt (Bitburg) nach den gleichen Grundsätzen und erfahren von Seiten unserer Kundschaft großen und wachsenden Zuspruch.

    Liebe Barbara, du hast uns vor einigen Jahren zu diesem Weg inspiriert, dafür an dieser Stelle noch einmal vielen Dank und weiter so!

    Klaus Wagner

  3. Hallo Frau Rolf,
    wunderbar.. genauso sehe ich es auch und erlebe es so in meiner täglichen Arbeit als Bestatter… und Sie skizzieren die Entwicklung sehr treffend… Ganz ganz vielen Dank 🙂
    Heiner Schomburg

  4. Dieter Kottler sagt:

    Einfach nur toll und ich freue mich uüber jeden Tag, den Ich bei dir arbeiten darf und deine Vision mittragen kann.

  5. Eva sagt:

    Im Grunde geht es auch um die Frage was eine Person definiert. Geld und daraus kommend schöne Dinge und Macht? Die Menschen sind meist leicht zu beeindrucken. Viel schöner und auch logischer finde ich es eine Person über ihren Charakter, ihr Herz und ihr Tun zu definieren. Mehr Wert auf das Inhaltliche und den persönlichen Kontakt legen, statt auf Produkte und Materielles, ja, das ist mir aus dem Herzen gesprochen. Und auch sonst interessant und zutreffend wie immer, vielen Dank für diesen Artikel!

  6. Katrin sagt:

    BestatterIn als Dienst am Menschen – so sehen es immer mehr Menschen, Sterbende, Trauernde, als auch (werdende) BestatterInnen. Der Tod rückt wieder mehr ins Bewusstsein und zwar deswegen, weil es Menschen gibt, die sich aufrichtig, transparent und mit Offenheit und Hinwendung der Einzigartigkeit des Lebens und Sterbens – ohne die Hilflosigkeit und Trauer für eigene Interessen auszunutzen. Vielen Dank für diesen so wahren Beitrag und die Inspiration, die daraus entspringt.

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