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Sie trugen ihn hinaus, weinten um ihn, segneten ihn und betteten sein Haupt auf … Müll?

16.07.2013
Ein Blogbeitrag von Barbara Rolf
Sie trugen ihn hinaus, weinten um ihn, segneten ihn und betteten sein Haupt auf … Müll?
(Foto: Rolf)

Vor einigen Wochen, ich bereitete an einem Friedhof gerade alles für eine Bestattungsfeier vor, brachte ein Kollege, der keineswegs zu den sogenannten Billig-Anbietern gehört, die derzeit in aller Munde sind, einen verstorbenen Menschen und sargte ihn in einem der Aufbahrungsräume ein. Als ich nochmals zum Auto musste, kam ich an seiner offenen Überführungstrage vorbei und traute meinen Augen nicht. Abfall, ein zerdrückter Urnenkarton, gefüllt mit zerknülltem Packpapier diente ihm als Kopfstütze. Glücklicher Weise ist das nicht die Regel und wir dürfen davon ausgehen, dass eine solche Arbeitsweise für einen Großteil der Bestattungsunternehmen indiskutabel ist. Bedauerlicherweise handelt es sich aber auch nicht um einen absoluten Einzelfall. „Leider arbeiten viele so – und schlimmer“, sagte die Pflegekraft eines Seniorenheims, als sie dieses Bild sah. Und eine Bekannte schrieb mir neulich: „Vor wenigen Monaten mussten wir unsere Mutter beerdigen. Wir sind zuerst an Leute geraten, die unsere Mama wie ein Stück Dreck behandelt haben.“ Und wer tiefere Einblicke in unsere Branche hat, musste selbst schon genug sehen, hören und erleben, um diese Berichte durch viele weitere ergänzen zu können.

Was muss dieser Bestatter für ein Bild haben von seiner Arbeit, von seinem Dienst, vom Leben, vom Tod und vom Abschiednehmen? Natürlich wird er sich hüten, Angehörige das sehen zu lassen (weil er nämlich weiß, dass das unzumutbar ist und überhaupt nicht geht), aber eine Handlung wird nicht erst dadurch verwerflich, dass man dabei ertappt wird …

Ist es verwunderlich, dass immer mehr Menschen nach Billigbestattungen und reinen Entsorgungslösungen fragen, wenn man für viel Geld so etwas bekommt? Wir müssen uns immer wieder neu fragen: Halte ich, was ich versprochen habe? Begegne ich den Verstorbenen mit dem Respekt und mit der Achtsamkeit, die sie verdienen? Nehmen wir Rücksicht auf die Bedürfnisse der Trauernden, die jetzt angewiesen sind auf unser Verständnis und unsere Aufrichtigkeit?

Wenn wir einen Bestattungsauftrag erhalten, wird uns ein großes Vertrauen entgegengebracht, das wir nicht missbrauchen sollten. Das verbietet sich sowohl aus ethischen als auch aus geschäftlichen Gründen. Denn so etwas wird nicht mehr lange durchgehen, da bin ich mir sicher. Wie wir am Leichnam handeln, offenbart unsere Mitmenschlichkeit, unsere Kultur und unsere Einstellung gegenüber dem Leben. Wenn das so aussieht wie auf dem Bild, müssen wir uns große Sorgen machen.

Wenn wir wieder entdecken, dass unsere Arbeit ein ganz besonderer, „heiliger“ Dienst ist, und das in all unseren Arbeitsbereichen spür- und sichtbar machen, werden alle Seiten davon profitieren: Gesellschaft und Kultur, weil bereichert, die Verstorbenen, weil gut verabschiedet, die Trauernden, weil gut begleitet, wir selbst, wegen des berühmten Blicks in den Spiegel, und unsere Unternehmen, weil Menschen diesen kostbaren, wichtigen Dienst auch in Zukunft in Anspruch nehmen und gerne entlohnen werden.

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9 Kommentare
  1. Hallo liebe Leser,

    Seit elf Jahren bin ich als Trauerrednerin tätig und ich höre auch von Bestattern, dass viele Menschen ihre Verstorbenen einfach ohne ein Wort verschwinden lassen. Kostengründe sind oft der Grund dafür, dass es immer weniger Trauerfeiern gibt.

    Aber vielleicht spüren die Menschen in unserer Gesellschaft auch, dass die Werte fehlen, dass Menschen immer mehr zur Ware werden und dass auch niemand mehr weiß, wie man mit einem Verstorbenen umgeht.

    Ich habe mich in die Bestattungsrituale der Weltreligionen eingearbeitet, da ich dieses Thema für angehende Bestatter unterrichte. In allen Religionen wird eine ehrfürchtige Behandlung des Verstorbenen betont. Im Judentum und im Islam hat man eigene Bruderschaften, die sich um die rituellen Waschungen und die Versorgung der Toten kümmern. Dabei werden auch immer Gebete und Texte aus den heiligen Schriften gelesen.

    Die steigenden Kirchenaustritte bei uns haben leider auch zur Folge, dass Werte wie Achtsamkeit, Respekt und Wertschätzung sowie Selbst- und Nächstenliebe immer mehr in den Hintergrund geraten.

    Es ist wichtig für unsere Gesellschaft, dass wir diese Werte wieder lebendig werden lassen, damit wir besser mit den Lebenden und mit den Verstorbenen umgehen. Und wir als Trauerredner, die Seelsorger und die Bestatter haben sicher eine Vorbildfunktion für die Menschen, die uns in den schweren Zeiten der Trauer brauchen.

    Ich hoffe, dass möglichst viele „Kollegen“ diese Werte leben und achten, damit wir den Menschen Trost und Hoffnung geben können. Und vielleicht lohnt es sich, von den anderen Kulturen und von den Werten der Religionen zu lernen.

    Denn Achtsamkeit, Liebe und Respekt sind Werte, die wir dringend brauchen.

    Alles Liebe und Gute für die Leser

    Gabriele Jöhren
    Lebens-und Trauerbegleiterin
    Trauerrednerin

  2. Juliane Uhl sagt:

    Ein schöner Beitrag. Ich bin völlig Ihrer Meinung, Frau Rolf, dass der Bestatter seinen Auftrag, der ein paar Grundsätze der Menschlichkeit beinhaltet, anständig erfüllen muss. Zum einen um Vertrauen zu schaffen und zum anderen, um selbst auch damit leben zu können. Ich frage ich mich bei solchen Geschichten immer wieder, welches Verhältnis diese Menschen zu dem Tod selbst haben und ob sie die eigenen Angehörigen auch so behandeln würden.

    Wenn ich aber auch Geschichten von Angehörigen höre, deren Hauptanliegen die schnelle Entsorgung ist, dann weiß ich, dass es nicht um ein Bestatterproblem sondern um ein Gesellschaftsproblem geht.

    Unser Umgang mit den Toten ist ein Spiegelbild unseres Umgangs mit den Lebenden. Und das passt leider sehr gut zusammen.

  3. Hallo zusammen, habe den Artikel zu jener Zeit auch gelesen und muß vielleicht dazu sagen dass viele Mitarbeiter schlecht oder gar nicht eingearbeitet werden. Meist sind es (leider) nur Aushilfen auf Minijobbasis. Ich kann bzw. will nicht behaupten das dieser Bestatter (Chef) es weiss bzw. wusste wie seine Mitarbeiter mit Verstorbenen umgehen. Als ich noch angestellt war und mit den damaligen Kollegen unterwegs war wurden sie eingelernt und auch versucht Pietätvoll mit den Verstorben umzugehen. Andernfalls durften sie sich gerne woanders nach einem Geschäft umschauen.
    In diesem Sinne Herry

  4. Barbara Rolf sagt:

    Liebe Frau Uhl,
    o ja, da gebe ich Ihnen Recht.
    Auch das ist eine alarmierende Entwicklung.
    Angehörige mit solchen Haltungen und Denkweisen haben wir auch schon erlebt.
    Ebenso Menschen, die ihre eigene Bestattung mehr als eine „Entsorgung“ planen, ohne auch nur ein gutes Wort oder eine liebevolle Geste (das muss ja nicht viel kosten).
    Glücklicher Weise bekommen wir solche Anfragen nur ganz, ganz selten.

  5. Der Umgang untereinander hat die Welt in eine gefährliche Schief-Lage gebracht. Wir alle sehen, hören und leider schmecken wir es auch …. aber wir lassen es immer noch zu sehr geschehen … JETZT müssen wir uns bewusst werden, das es so nicht weitergeht. Wir haben alles in Hülle und Fülle … was wir kaum noch haben – ist Qualität. Setzen wir also wieder auf Qualität….
    für die Lebenden und für die, die uns verlassen müssen.

    Missstände müssen veröffentlicht werden, dazu haben wir heute die medialen Möglichkeiten:
    http://www.die-grosse-volksverarsche.de/wp-content/uploads/RoteKarteVerarscher.pdf

  6. Barbara Rolf sagt:

    Danke Ihnen und euch für diese Kommentare! Ich freue mich sehr über diese Diskussion, den Austausch von Sichtweisen, Standpunkten und Perspektiven. So lässt sich immer besser verstehen, was eigentlich gerade los ist, wo Handlungsbedarf besteht, wo wir ansetzen können, wenn wir die (Bestattungs)Kultur positiv mitgestalten möchten.

  7. Zunft sagt:

    Liebe Güte,

    ich kann aus einer Mücke auch einen Elefanten machen.

    Sicherlich kann man darüber streiten, ob nun ein Urnenkarton eine adäquate Kopfstütze gewesen sei.

    Ebenso ist es möglich, dass der Leichnam plötzlich auslief, weil der Kopf nicht errhöht auf einem Kissen (wie im Sarg) lag, sondern, weil in Überführungstragen in den seltensten Fällen Kopfkissen- oder Stützen Verwendung finden, da diese beim Transport ohnehin verrutschen.

    Kann also gut möglich sein, dass dieser Bestatter zu einer Notlösung gezwungen war.

    Leider gibt es aber tatsächlich viele Berufskollegen, welche sich eindrucksvolle Diplome an die Wand hängen, das Wort ‚Pietät‘ sogar im Namen führen, werbewirkam stets ihr Verbandszeichen in den Vordergrund drücken und letztlich doch mit erheblicher Gleichgültigkeit ihre Arbeit verrichten.

    Man sollte als Hinterbliebener stets vorsichtig sein, wenn in der Firmenvorstellung (z.B. im Internetauftritt) Floskeln wie: Seriös, vertrauensvoll, ehrlich, pietätvoll und solch Geschwafel in jedem zweiten Satz auftaucht (mal darauf achten!).

    Ebenso famos immer die folgenden Sprüche: „Wir hören zu“ und „wir führen das persönliche Gespräch“ –

    Zuhören sollte man in einem Gespräch immer und ein Gespräch ist ebenso persönlich, da ich nicht mit einem Getränkeautomaten eine Konversation führe.

    Und zum Schluss:
    Vielen Hinterbliebenen ist ebenso anzukreiden, dass sie bei einer Bestattung einen Spitzenservice erwarten, der aber eigentlich nichts kosten sollte.

    Würde man also stets so arbeiten, wie es sich manch Klient so wünscht, könnte ich zumindest meinen Laden auch gleich schließen.

    Freundliche Grüße

    Ein Bestatter

  8. D. Meyer sagt:

    Zitat Zunft: „Sicherlich kann man darüber streiten, ob nun ein Urnenkarton eine adäquate Kopfstütze gewesen sei“.
    Nein verehrter Bestatter, genau das kann man nicht weil es dazu nur eine einzige Antwort geben darf: NEIN, er ist es nicht.

    Offenbar haben sie die ganze Diskussion nicht verstanden. Denn genau darum geht es: um die Einstellung, um das „Bild das dieser Bestatter von seiner Arbeit hat“ und das letztlich in so eine Handlung mündet – warum auch immer.
    Und die Vorstellung, dass man darüber „streiten“ könne, die Vorstellung, dass das eine Mücke sei, aus der ein Elefant gemacht wurde, genau das ist diese Einstellung, die irgendwann so eine Handlung hervorbringt.

  9. Thea Bogena sagt:

    Als Pastorin stimme ich den Ausführungen von Barbara Wolf und den Kommentaren von Gabriele Jöhren und Juliane Uhl von Herzen zu. Ehrfurcht vor dem Leben und den Lebenden und vor dem Tod und den Toten zu bewahren, das ist unsere Aufgabe. Zu dem ‚Pappkarton‘, der als Aufhänger für die wichtigen Gedanken diente, habe ich allerdings eine andere Einstellung. Ich sehe Pragmatismus nicht als Gegensatz zur Würde. Als Kind durfte ich dabei sein, als mein Vater meine Großmutter herrichtete, nachdem sie verstorben war. Mein Vater hat mir alle seine Handlungen erläutert und obwohl ich erst sieben Jahre war, habe ich nie vergessen, was er tat und warum. Er band ihr eine Klopapierrolle unter das Kinn als Stütze und um den Mund zu schließen. Selbstverständlich wurde sie später, als die Anverwandten kamen, um Abschied zu nehmen, wieder entfernt. Da war sie auch nicht mehr nötig. Er verwendete dicke Bücher und darauf ein Keilkissen, alles abgedeckt mit einem weißen Laken, um den Kopf hochzulagern. Seine Vorgehensweise war praktisch, aber dennoch sehr würdevoll gegenüber der Verstorbenen, mir gegenüber und später auch den anderen Angehörigen gegenüber. Diese Einstellung hat mich für mein Leben geprägt.

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