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Social Media und der Tod

18.03.2013
Ein Blogbeitrag von Birgit Aurelia Janetzky
Social Media und der Tod
(Foto: Vinschen)

Liebe Leserinnen, liebe Leser,

willkommen bei meinem neuen Blog auf adeo-online. Schön, dass Sie hier hereinschauen! In meinem ersten Beitrag geht es heute um den Umgang mit dem Tod in den sozialen Netzwerken.

Social Media, das sind Plattformen wie Facebook, Xing, Twitter, Pinterest, YouTube oder Studi-VZ. Sie ermöglichen es den Nutzern, sich untereinander auszutauschen und Inhalte, seien es Textnachrichten, Bilder, Audio- oder Videodateien miteinander zu teilen. Mit der zunehmenden Verbreitung dieser digitalen Kommunikationskanäle verändert sich die mediale Einbahnstraße der klassischen Websites in einen medialen Dialog mit Gegenverkehr. Das deutsche Wort für Social Media ist wohl „Mitmachmedien“, auch wenn sich dieser Begriff nicht durchgesetzt hat.

Die Kommunikation auf diesem Weg ist sehr kostengünstig. Jeder kann zum Autor werden. Inhalte, die Nutzer erstellt haben, verbreiten sich schnell. Seit es Social Media gibt, verändert sich der Umgang mit persönlichen Informationen, die über das Internet auffindbar sind. Menschen teilen private Dinge plötzlich sehr öffentlich mit. In der Anfangszeit des Internets war es nicht einmal üblich, online den echten Vor- und Nachnamen zu benutzen. Inzwischen ist es auf Facebook gang und gäbe, die Veränderung im Beziehungsstatus mitzuteilen. Eben noch „Single“, im nächsten Moment „in einer Beziehung“.

Wenn einer stirbt, wird das Ganze heikel. Eine Reihe von Fragen taucht auf, die sich offline so nicht stellen. Da vor allem junge Menschen intensiv Facebook und andere Onlinenetzwerke nutzen, stelle ich die Fragen im Hinblick auf einen jungen Menschen, der stirbt.

Welche Eltern wissen, wo ihre Kinder online aktiv sind? Hat der Jugendliche irgendwo hinterlegt, was mit dem eigenen Blog, dem Profil bei Facebook und dem YouTube-Account passieren soll?

Manchmal ist es ein Freund bei Facebook, der längst veranlasst hat, dass das Profil in den Gedenkstatus versetzt wird, bevor die Familie überhaupt realisiert, dass es dort ein Profil gab. Ein Profil im Gedenkstatus bedeutet, dass nur diejenigen es sehen können, die dort bereits mit dem/der Verstorbenen verbunden waren. Auf der Pinnwand können neben den üblichen Kondolenzeinträgen unter Ausschluss der Öffentlichkeit Vermutungen und Geschichten verbreitet werden. So etwas geschieht in der Offlinewelt natürlich auch. Der Unterschied ist nur, dass hier alle 87 oder 1362 Freunde mitlesen können.

Die Eltern werden in der Regel nicht gefragt, wie mit dem Profil umgegangen werden soll. Vielleicht würden sie die Gelegenheit nutzen, um sich mit den Freunden ihres verstorbenen Kindes auszutauschen. Vielleicht würde es ihnen guttun, zu erleben, wie beliebt ihre Tochter oder ihr Sohn war und wie viele an deren Tod Anteil nehmen.

Da Facebook den Eltern keinen Zugriff auf das Konto ihres verstorbenen Kindes gewährt, gehen manche Eltern, sofern sie die Zugangsdaten kennen, einen Weg, der von den Richtlinien bei Facebook nicht vorgesehen ist: Sie schlüpfen in die Haut ihres Kindes und agieren unter dessen Namen und Bild im Freundeskreis. In der Trauer um ihr Kind mag das verständlich erscheinen. Andere dagegen wird es sehr irritieren. Ist die Übernahme des Onlineprofils auf die Dauer für einen guten Abschiedsprozess nicht hinderlich? Wann verabschieden sich die Eltern wieder von dem Profil? Facebook wird das Profil abschalten, sobald es von der widerrechtlichen Nutzung erfährt. Die Enttäuschung und der Ärger bei den Eltern sind vorprogrammiert.

Twittern bedeutet, in Echtzeit zu kommunizieren. Bevor eine Todesanzeige in der Zeitung erscheint, erhält der Freundeskreis bereits über Twitter die Nachricht vom Tod. Die Reaktionen lassen nicht lange auf sich warten. Bevor die Beerdigung auf dem Friedhof stattfindet, ist das Facebook-Profil voller Kondolenzeinträge. Die Kehrseite der Echtzeit-Kommunikation zeigt sich bei falschen Todesmeldungen. Prominente Personen werden manchmal als verstorben gemeldet, ohne dass die Nachricht verifiziert ist. Andere reagieren sofort mit R.I.P. (Rest in Peace)-Einträgen. Wer die Nachricht in die Welt setzt, will der Erste sein. Wer die Nachricht weiterverbreitet, bekommt vom Glanz des Ersten noch etwas ab. Viele ernsthafte Nutzer des Twitterdienstes lehnen diese Art unreflektierter Beiträge ab. Dennoch kommt die ganze Plattform in den Ruf, nur unnötiges Geschwätz zu verbreiten.

Einige Anbieter bewegen Menschen, bereits zu Lebzeiten Nachrichten oder Videobotschaften zu verfassen, die nach dem Tod an definierte Personen geschickt werden. Wie reagieren die Menschen, wenn sie einen Link zu einem Abschiedsvideo auf YouTube erhalten, womöglich bevor sie überhaupt erfahren haben, dass die Person gestorben ist?

Verstorbene machen nicht mehr mit im Mitmachweb. Sind aber noch da. Ihr Profil zeigt keinerlei Veränderung und keiner weiß, ob sie für ein paar Wochen in Urlaub gefahren sind, ob sie die Lust am Bloggen, Twittern, Liken oder Schreiben verloren haben oder ob sie gestorben sind. Irgendetwas sollte mit diesen verwaisten Profilen passieren. Inzwischen haben die meisten Social-Media-Plattformen festgelegt, wie sie mit den Nutzerkonten und Profilen umgehen, sobald der Tod von irgendjemandem gemeldet wird. Doch wer ist dieser Irgendjemand? Irgendein Kontakt, der den Tod meldet, löst die Deaktivierung aus. Nicht immer ist ein Nachweis erforderlich. Das kann dazu führen, dass „aus Spaß“ oder um jemandem zu schaden, das Profil eines Lebenden deaktiviert wird.

Eindeutige Nachweise wie die Sterbeurkunde besitzen nur die Angehörigen. Man kommt also nicht darum herum, die Angehörigen in den Prozess der Profillöschung mit einzubeziehen. Vor Kurzem wurde ich über eines der sozialen Netzwerke gefragt, ob ich die Facebook-Seite eines Familienangehörigen komplett löschen lassen könnte. Es sollte verhindert werden, dass sie in den Gedenkzustand versetzt wird. Die Fragestellerin wollte vermeiden, mit der Ehefrau des Verstorbenen über das Profil auf Facebook zu sprechen, weil die Familie wenig mit sozialen Netzwerken am Hut hat und gar nicht wusste, dass er ein Profil besaß. Meine Antwort war: „Sie kommen um das Gespräch nicht herum. So oder so wird eine Sterbeurkunde als Nachweis benötigt.“

Manche schlagen vor, in der Onlinewelt alles auf sich beruhen zu lassen. Internetnutzer sagen: „Nach mir die Sintflut“, „Ist mir doch egal, was mit dem ganzen Zeug passiert.“ Angehörige verschließen die Augen und hoffen, dass schon nichts Schlimmes passieren wird. Genauso schnell wie eine Nachricht in der Timeline oder der Liste der Tweets auftaucht, verschwinde sie auch wieder im unendlichen Strom der Informationen. Leider haben beide Sichtweisen einen Haken. Zum einen ist es den Angehörigen sicher nicht egal, wie sich das Onlinegedenken verselbstständigt, welche Werte unentdeckt bleiben oder welche Verträge gekündigt werden müssen. Zum anderen unterschätzen sie die Missbrauchsmöglichkeiten verwaister Profile. Mit geklauten Daten legen Kriminelle neue Profile an, sogenannte Fake-Accounts. Mit Informationen von Facebook kann beispielsweise ein neuer Account bei Google+ angelegt werden, mit dem versucht wird, sich bei den Freunden des Opfers Geld zu erschleichen oder das Profil als Spam-Schleuder einzusetzen.

 

Und nun meine Thesen – in idealisierter Form –, wie in Zukunft mit dem Tod in den sozialen Medien umgegangen wird:

Bei den Angehörigen wächst das Bewusstsein für die Bedeutung der Sozialen Medien. Genauso wie sie sich um den materiellen Nachlass kümmern, kümmern sie sich um den digitalen Nachlass.

Die Internetnutzer legen bereits zu Lebzeiten schriftlich fest, wie mir ihren Profilen in den sozialen Netzwerken  nach ihrem Tod umgegangen werden soll, und bevollmächtigen eine Person ihres Vertrauens oder ein spezialisiertes Unternehmen, ihren Willen auszuführen.

Bei den Social-Media-Plattformen sind die Richtlinien für den Umgang mit verwaisten Profilen in der Hilfe leicht auffindbar und für jeden verständlich formuliert. Die Richtlinien sind so gestaltet, dass sie einen guten Ausgleich schaffen zwischen dem Wunsch nach Privatsphäre und dem Wunsch von Angehörigen, Zugang zu einem Profil zu erhalten.

Die Freunde auf den Social-Media-Plattformen nehmen Kontakt mit den Angehörigen auf, weisen auf ein Profil hin und sprechen mit den Angehörigen über die Möglichkeiten, mit dem Profil umzugehen, und beraten gemeinsam, wer den Tod bei der Plattform meldet.

Auch auf Profilen gilt, dass keine Gerüchte verbreitet werden und niemand beleidigt oder an den Pranger gestellt wird.

Nachrichten vom Tod eines Menschen werden nicht verbreitet. Der Tod eines Menschen muss vorher eindeutig verifiziert sein.

Die Menschen reden miteinander über den Tod, über die Toten und wie sie in der Welt der sozialen Medien damit umgehen wollen.

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4 Kommentare
  1. Hallo Birgit, wenn Du mangst würde ich gern diesen Beitrag als Gastbeitrag in die SteadyNews aufnehmen – so ausgezeichnet und wichtig finde ich das Thema… Herzliche Grüße von Eva Ihnenfeldt

  2. Sehr wichtig und deshalb,- danke vielmals für diese anregungen!

  3. Marion Klose sagt:

    Danke für den ausführlichen Beitrag! Es macht schon Sinn, in dieser Breite das Thema bis zu Ende durchzudenken.
    Liebe Grüße
    Marion Klose

  4. […] Bestatterkongresses) weckte. Die Anfrage, ob ich Interesse hätte, Jurymitglied zu werden und die Social Media-Aktivitäten von Bestattern zu beurteilen, riefen bei mir zunächst ungläubiges Erstaunen und Verwunderung hervor (oder auch […]

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