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Sterben müssen, können oder dürfen

16.07.2013
Ein Blogbeitrag von Birgit Aurelia Janetzky
Sterben müssen, können oder dürfen
(Foto: Vinschen)

Sterben müssen

Altern gilt bei manchen Menschen als eine Krankheit. Das Abschalten der Geräte bei einem sterbenden Menschen empfinden manche als Niederlage, die man unbedingt vermeiden muss. Der Spruch „Gehofft, gekämpft und doch verloren“ auf der Todesanzeige ist der volkstümliche Ausdruck für eine Haltung, die ein massives Problem mit der Endlichkeit des Menschen hat.

Die größten Schwierigkeiten mit der Sterblichkeit haben die Vertreter des Transhumanismus. Mit diesem Begriff werden Philosophen und Forschende bezeichnet, die sich zum Ziel gesetzt haben, die Grenzen menschlicher Möglichkeiten durch den Einsatz technologischer Verfahren zu erweitern. Die Menschen sollen intelligenter, gesünder und allzeit glücklich werden. Transhumanisten suchen Mittel und Wege, die Grenzen der Biologie zu verschieben und den Menschen zu optimieren. In einem Artikel in der Süddeutschen Zeitung wurde der Transhumanismus vor Kurzem als „die vielleicht gefährlichste Idee der Welt“ betitelt. Denn das erklärte Ziel ist es, den Tod abzuschaffen.

Sterben dürfen

In ihrem Roman „Alle Menschen sind sterblich“ aus dem Jahr 1946 erzählt Simone de Beauvoir die Geschichte des Raimondo Fosca. Im 13. Jahrhundert bietet ihm ein Bettler ein Elixier an, das ewiges Leben verspricht. Fosca zögert nicht lange. „Nie wird meine Freude erlöschen.“ Er irrt sich. Zwar wird der jetzt unsterbliche Fosca immer mächtiger, jedoch nicht glücklicher. Seine Frauen und Kinder sterben, nur er muss immer weiter leben. Jahrhundertelang berauscht er sich an der Beherrschung der Welt. In verschiedenen Rollen lebt er das Bedürfnis aus, die Grenzen der bisherigen Welt zu erweitern: als Entdecker in Amerika, als Berater im Kaiserreich Karl V., als Wissenschaftler oder als Revolutionär. Doch immer wieder verliert er alle Mitmenschen um sich herum. Seine Unsterblichkeit wird ihm zum Fluch. Er erkennt, wie absurd der stetige Wechsel von Errichten und Zerstören ist. Nach 500 Jahren trifft er auf Marianne und erlebt, wie alle Jahrhunderte „am Rande dieses Augenblicks“ starben.

Dieses Buch müsste zur Pflichtlektüre für die Vertreter des Transhumanismus erhoben werden. Stattdessen experimentieren sie am menschlichen Körper, wo ihnen gesetzliche Grenzen gesetzt sind, am eigenen Körper. Anti-Aging-Therapien und Nahrungsergänzungsmittel sind nur der harmlose Anfang. Menschen sollen mit Maschinen verschmelzen, Körper sollen digital getunt werden. Der Hirnschrittmacher sei die logische Weiterentwicklung des Herzschrittmachers. Gehirn und Computer könnten bald verschmelzen. Die in den Körper eingebrachte Technik lässt die Wissenschaftler auf einen besseren Menschen hoffen. Das Leben werde lebenswerter, die Lebensspanne erweitere sich.

Sterben können

Die beiden Hauptfiguren in de Beauvoirs Roman durchleben die Fragen, die viele Menschen bewegen, wie im Brennglas. Wie kann man dem Leben einen Sinn abgewinnen? Wie geht man mit der Angst vor der eigenen Endlichkeit um? Was macht das Leben lebenswert? Wer sich von diesen Fragen anrühren lässt, kann die Erfahrung machen, dass es Augenblicke im Leben gibt, für die sich alles gelohnt hat. Augenblicke, die die Qualität von Ewigkeit haben. Den meisten wird diese Qualität bewusst, wenn Sie mit der Endlichkeit des Lebens konfrontiert sind, einer eigenen lebensbedrohlichen Erkrankung etwa oder der Hiobsbotschaft, dass ein guter Freund bei einem Autounfall ums Leben gekommen ist. Ein „kostbarer Unterricht an den Sterbebetten“ nennt Hilde Domin diesen aufrüttelnden Moment in einem ihrer Gedichte. „Nur einmal sterben sie für uns, nie wieder.“ Erst die Aussicht auf ein Ende macht die Selbstverwirklichung möglich, gibt dem gegenwärtigen Augenblick sein Gewicht.

Der Trank zur Unsterblichkeit wird uns gegenwärtig von den Transhumanisten gereicht. Jeder Mensch ist frei, der Verlockung zu widerstehen und das menschliche Gehirn nicht nur als einen Supercomputer zu sehen, an dem die Technokraten nach Belieben herumschrauben dürfen. Das 20. Jahrhundert ist voll von technischen Errungenschaften. Viele davon haben ihr Potenzial zur Zerstörung bereits unter Beweis gestellt. Die Mängel und Begrenzungen eines biologischen Körpers zeigen die Endlichkeit an. Erfülltes Leben ist möglich, sei das Leben von langer oder von kurzer Dauer. Es sind die zeitlosen Augenblicke der Liebe und des tiefen Verstehens, die das Sterbenmüssen zu einem Sterbendürfen werden lassen.

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2 Kommentare
  1. Juliane Uhl sagt:

    Ich habe in meiner Magisterarbeit zum Einfluss des Mobilfunks bereits das Thema Transhumanismus integriert. Die Arbeit wurde 2006 geschrieben und ich wusste damals noch nichts von GoogleGlasses ets. Solche Erweiterungen der menschlichen Wahrnehmung in den digitalen Raum gehören für mich ebenso in diese Diskussion.

    Anhand der GoogleBrille sehe ich, wie Technik stets der Moral voraus ist: Eine Brille, die nicht offensichtliche Details eines Menschen anzeigt, die ihn gläsern werden lässt, war unvorstellbar, ein massiver Eingriff in die Privatsphäre. Nun ist das möglich und man geht halt irgendwie damit um.

    Ich befürchte, so wird es auch mit den Transhumanisten werden. Technik schafft, was Technik kann. Trotz Technikfolgenabschätzung, werden wir Menschen dem immer hinterherhinken, es annehmen, damit leben – vielleicht sogar für immer.

  2. Liebe Frau Uhl,
    danke für die Ergänzung zur GoogleBrille, das Smartphone direkt am Auge und am Ohr. Nach und nach wird das Gerät eingeführt, die Menschen heiß darauf gemacht. Die Technik fasziniert, die Auswirkungen zeigen sich erst hinterher. Ich finde es einfach wichtig, dass sich die Menschen damit auseinandersetzen.

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