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Über Treue, Fairness und Verantwortung im Umgang mit unseren Lieferanten

14.01.2014
Ein Blogbeitrag von Barbara Rolf
Über Treue, Fairness und Verantwortung im Umgang mit unseren Lieferanten

Ein Freitag. 16 Uhr. Eltern sind bei uns, deren Zwillinge im Mutterleib verstorben sind. Die Beerdigung soll bald sein, am Dienstag. Die Mutter hat Angst vor dem Tag und will ihn so schnell wie möglich hinter sich bringen. Wir schauen uns die Kindersärge an. Ein weißer mit einem zarten Blütenschweif aus Airbrush gefällt ihnen. Jedes Kind in einen eigenen Sarg – das kann sich der Vater nicht vorstellen. Sie sollen beisammen liegen, wie in den letzten sechs Monaten auch. Eine eilige Sonderanfertigung also. Und das am Wochenende. Ich rufe unseren Lieferanten an und schildere ihm das Anliegen. Er verspricht zu prüfen, was möglich ist. Eine halbe Stunde später der Anruf: Ein Mitarbeiter kommt morgen in die Firma und baut den kleinen Sarg. Er selbst wird ihn dann zu der Künstlerin bringen, die die Airbrush-Verzierungen macht. Am Montag wird er per Express versendet und am Dienstag vor 10 Uhr bei uns eintreffen. Mir fällt ein Stein vom Herzen. Die Eltern freuen sich, dass ihre Wünsche ernst genommen werden und schmunzeln sogar ein bisschen, dass ihre kleinen Kinder so viele Erwachsene zum Springen bringen.

Eine Geschichte von vielen, die ich hier erzählen könnte, um zu zeigen wie oft wir auf die Hilfe und das Verständnis unserer Lieferanten angewiesen sind, um unsere Arbeit unbedingt an den Wünschen und Bedürfnissen der Trauernden ausrichten zu können.

Wir müssen uns als Team verstehen. Alleine können wird oftmals nur wenig erreichen, gemeinsam fast alles. Ein Team, eine Beziehung muss gepflegt werden. Geben und Nehmen, beides gehört dazu, wenn das auf Dauer gelingen soll. Es braucht gegenseitige Fairness, Rücksichtnahme, Verständnis, Unterstützung, Ehrlichkeit, Wertschätzung…

In den vergangenen Jahren und Monaten, habe ich viel gehört und erlebt, was diese wichtigen Kontakte meines Erachtens beeinträchtigen und gefährden kann.

So werden Lieferanten oftmals gezwungen, keine Mitbewerber in der gleichen Stadt oder Region zu beliefern. In Bezug auf bestimmte Modelle könnte ich das ja vielleicht noch verstehen, aber grundsätzlich – das ist viel, zu viel verlangt. Wären wir bereit, uns so einschränken zu lassen und solche „Versprechen“ zu geben?

In jüngster Zeit habe ich zweimal erlebt, dass Herstellern gedroht wurde, dass man ihre Urnen aus dem Sortiment streichen würde, wenn es ihnen nicht gelänge, dem Mitbewerber das Veröffentlichen seiner VK-Preise zu untersagen.

Ein Sarghersteller verkaufte einem Freund, dessen Vater verstorben war und der ihn spontan in der Firma aufgesucht hatte, auf dessen Wunsch hin einen Sarg ab Werk. Der Bestattungsunternehmer, der diesen Trauerfall bearbeitete und seit Jahrzehnten Kunde war, kündigte ihm daraufhin sowohl die Freundschaft als auch die Geschäftsbeziehung.

Bestatter geben alte, bewährte geschäftliche Partnerschaften auf und wechseln zu günstigen Anbietern aus dem Ausland, weil deren Preise unwiderstehlich scheinen. Zugleich klagen sie über „Billigmentalität“ und Dumpingpreise auf dem Bestattungsmarkt.

Oder sie drohen nur mit dem Absprung und zwingen die einheimischen Hersteller, ihre Preise immer weiter zu senken, obschon sie diese eigentlich, um ihre Kosten zu decken und ihre Mitarbeitenden gut zu versorgen, anheben müssten.

Ganz auf ihn verzichten will bzw. kann man dann aber doch nicht. Denn bei Sonderwünschen wird er nach wie vor gerufen, der Sarghersteller von nebenan, wenn es besonders breit, besonders lang, besonders blau oder besonders anders sein soll. Zum Beispiel am Freitagnachmittag um 16 Uhr. Da muss er angerufen werden, denn das interessiert den Großhändler aus Osteuropa nicht. Und selbst wenn es ihn interessieren würde, könnte er so schnell nicht helfen.

Wir müssen uns klar machen, dass unsere einheimischen Produzenten von unseren Sonderwünschen allein nicht leben können. Wir haben Verantwortung für die Fortexistenz dieser Unternehmen und die Arbeitsplätze der dort Beschäftigten. Wir haben auch Verantwortung für die Umwelt, die dankbar ist für jeden LKW, der nicht durch Europa fährt.

Meine Oma hätte mir ob eines solchen Geschäftsgebarens die Leviten gelesen: „Das gehört sich nicht. Punkt um.“ Und ich hätte ihr Recht geben müssen. Nur weil man am (vermeintlich?) längeren Hebel sitzt, muss man den nicht willkürlich und nur zum eigenen Vorteil in Bewegung setzen.

Und glauben wir wirklich, dass die Importeure ihre Preise so niedrig halten werden, wenn wir erst einmal von ihnen allein abhängig sein werden? Das kann ich mir nicht vorstellen.

Wir haben unseren Hauptlieferanten gebeten, den sog. „Verbrenner-Sarg“, der bei uns als „Kiefer natur“ das meistverkaufte Modell ist, im eigenen Hause und mit einheimischem Kiefernholz herzustellen. Der Qualitätsunterschied zu den bislang verwendeten Importsärgen war frappierend und ist das Geld, das wir mehr zahlen, alle mal wert. Die Form ist schöner, das Holz frischer, wunderbar verarbeitet. Und wir können auf die Frage kritischer Kunden, ob unsere Särge auch aus Polen kommen, aufrichtig mit „Nein“ antworten.

Inzwischen thematisieren wir das, im Internet, in den Gesprächen mit Angehörigen und Vorsorgenden. Wir sagen, dass wir Särge führen aus einheimischem Holz, hier, in Baden-Württemberg hergestellt. Wenigen ist das egal, die meisten freuen sich. „Fichte aus dem Schwarzwald? Das ist gut. Da ging er so gerne wandern.“

Mein Sarg soll und wird aus Fichte aus dem Schwarzwald sein, gebaut ebendort. Für mich ist das wichtig. Und weil ich nicht weiß, ob es bis zu meinem Ableben noch einheimische Sargproduzenten geben wird, habe ich ihn schon besorgt. Es wäre schön, wenn sich diese Maßnahme einst als unnötig entpuppt.

Dieser Beitrag soll ein Appell sein, so regional wie möglich einzukaufen, verantwortungsvoll, bewusst, fair und treu mit den Herstellern umzugehen. Die Margen werden einige Euro geringer ausfallen, ohne Zweifel. Aber der menschliche Gewinn, das gute Gefühl und die Gewissheit, einen engagierten, leistungsfähigen Partner zu haben, sind das allemal und noch viel mehr wert.

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8 Kommentare
  1. Boah!
    Liebe Barbara, ich könnte dich knutschen für dieses Großartige Votum für uns einheimische Hersteller. Ich möchte deine Worte in allem unterstreichen und bestätigen und dir danken, dass du von der Bestatterseite aus, dich so für uns einsetzt.
    Eine von vielen persönlichen Erfahrungen dazu:
    Ich habe in 2013 ein längerfristiges Berufs-Coaching gemacht und alle Zahlen, Daten, Fakten meines kleinen individuellen Urnen-Unternehmens nochmal auf den Prüfstand gelegt bekommen. Es war sehr bitter aber ich mußte schlucken, dass mein Unternehmen selbstausbeuterische Strukturen aufweist. Ja, ich weiß aus eigener Erfahrung, wovon du sprichst.
    Vielleicht müssen wir Herstellerinnen und Hersteller lernen, uns besser zu vertreten, Interessenvertretungen gründen, zusammen zu arbeiten, helfen, die Dinge transparent zu machen und für uns zu sorgen.

  2. Barbara Rolf sagt:

    Liebe Bettina,
    danke für dieses schöne Feedback und Deine Offenheit.
    Wenn wir bereit sind, uns zu öffnen, schafft das Verständnis füreinander.
    Ich setze mich nur für euch ein, weil…
    …ihr euch immer wieder für uns einsetzt und
    …wir euch brauchen.
    Pure Berechnung, blanker Eigennutz also. 😉
    Ich möchte weder auf die Produkte noch auf das Miteinander verzichten müssen.
    Es wäre unserer Arbeit abträglich und menschlich sehr, sehr schade.

  3. Juliane Uhl sagt:

    Liebe Frau Rolf,

    der Satz Ihrer Oma „Das gehört sich nicht. Punkt um.“ sollte zum täglichen Argument gegen alles werden, wogegen sich der Bauch sträubt. Gegen unoralische Geschäftsbeziehungen, Ausländerhetze, Steuerhinterziehung, Schlägereien in YouTube-Videos, usw.

    Bei manchen Themen muss man nämlich nicht argumentieren und diskutieren. Punkt um!

    Viele Grüße aus Halle

    Juliane Uhl

  4. Barbara Rolf sagt:

    Da sagen Sie was, Frau Uhl…
    Ich bin ja sehr für Pluralität, Freiheit, Toleranz und Vielfalt, aber dass es kaum mehr Dinge gibt, die einfach selbstverständlich und „heilig“ sind, ist schon sehr bedenklich und macht das Leben weder schöner noch freier oder bunter.

  5. Liebe Frau Rolf,

    ein wunderbarer Artikel über Werte und Wertigkeit, also über Dinge, die leider immer seltener werden im „Geiz-ist-geil-Land“.

    Von meinem Vater habe ich drei Fragen zu allen wichtigen Entscheidungen mitbekommen, die mich mein Leben lang begleitet haben:

    1. „Ist es legal?“
    2. „Ist es auch legitim?“
    3. „Findest Du das wirklich richtig?“

    Mir hat das immer sehr bei der Entscheidungsfindung geholfen und (ganz ehrlich) insbesondere Frage 3 gibt den Ausschlag.

    Ein Billigsarg aus Osteuropa. der beim Ablassen am Grab durchhängt und fast zerfällt, aber mit 1000% Aufschlag und mehr an den Kunden geht, ist 1. ok, 2. fraglich und 3. no go – nach meiner Meinung.

    Wer gute Arbeit leistet, soll dafür auch guten Lohn bekommen, einen ehrlichen Lohn, einen nachvollziehbaren Lohn für die Dienstleistung.

    Was ich leiste, soll also auch so detailliert auf der Rechnung erscheinen, das ist bei jedem Handwerker so, in jedem Autohaus – auch bei jedem Bestatter?

    Billig zu verkaufen ist einfach, noch billiger zu verkaufen ist noch einfacher – hat aber (kaufmännisch logisch) einen eingeschränktem Überlebenshorizont.

    Vermeintlich schwieriger, aber zukunftsträchtiger, ist es nach dem Motto „Leben und leben lassen“ zu handeln:
    Ich habe gute Lieferanten mit guten Produkten zu angemessen Preisen, die mir eine gute Dienstleistung zu angemessenen Preisen ermöglichen.

    Gibt der Markt nicht her? Aber hallo!

    Wie innen so außen.

    Wenn ich von meiner Leistung so überzeugt bin, dass Frage 3 reinen Herzens mit „ja“ beantwortet werden kann, dann werde ich so überzeugend wirken, dass sich die Frage nach dem Preis nur noch sehr selten stellt.

    Man sagt, ein Verkäufer wird immer das gefragt, vor dem er am meisten Angst hat:

    Habe ich also Angst nicht billig genug zu sein, dann kann ich gar nicht billig genug sein – und irgendwann ist auch Osteuropa zu teuer.

    Habe ich Angst, nicht das beste Produkt zu verkaufen, die beste Leistung abzuliefern, dann wird der Preis fast nie eine Rolle spielen – und ich kann mit den besten Lieferanten fair zusammen arbeiten.

    Mein Vater ist diesem 3 Fragen immer gut gefahren – ich bin es auch.

    Und das vermeintliche „Glück“ in meinem Leben, war sehr oft nur die Reaktion auf meine Reflektion zu Frage 3.

    Also gut, „Findest Du das wirklich richtig?“ was Du geschrieben hast?

    Ja!

  6. Barbara Rolf sagt:

    WOW…
    DANKE, Herr Mangold!
    Für Ihre Klarheit und für die drei „Siebe“, die alle unsere Entscheidungen und Haltungen passieren sollten.
    Das werde ich mir merken und anwenden.

  7. André Brückner sagt:

    Liebe Frau Rolf,
    danke für diese Worte, denen eine Einsicht und – ich möchte sagen – Weisheit zugrunde liegt, von der sich viele Unternehmer eine Scheibe abschneiden können. Ich weiß, dass es insbesondere im schwäbischen Mittelstand immer noch viele Unternehmer gibt, die in wichtigen Fragen so handeln. Denen es aber wohl tut, auf diese Weise zu hören, dass dieses Handeln richtig ist. In den meisten Konzernen, die unser Leben dominieren, ist dieses Handeln nicht nur weitgehend unbekannt. Allein der Gedanke wird bereits als Dummheit verhöhnt. Was dazu führt, dass die wenigen, die aus Erfahrung bereits hinter verschlossenen Türen zugeben, dass diese ‚Dummheit‘ nur bei kurzfristiger Betrachtungsweise gilt, nicht ins Handeln kommen und keine Veränderung initiieren können. Es trotzdem zu tun, erfordert Mut. So funktioniert echte Nachhaltigkeit. Danke für Ihr Vorbild.

  8. Barbara Rolf sagt:

    DANKE, Herr Brückner, für Ihre Rückmeldung und vor allem für Ihre Gedanken zu diesem Thema!

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