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@Vinschen

27.07.2010
Betrag zum Thema Trauerkleidung
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Im 19. Jahrhundert gab es Kaufhäuser, ähnlich wie Karstadt oder Kaufhof, die ein enormes Angebot an Trauerkleidern bereithielten. Es gab Kataloge, dem Quelle-Katalog vergleichbar, die ausschließlich Trauerkleidung zum Inhalt hatten. Zu dieser Zeit war Trauerkleidung ein Ausdruck, nahezu in allen gesellschaftlichen Schichten – heute ist dies kaum mehr vorstellbar. Man trug „Schwarz“ über die Jahrhunderte, wenn ein Mensch verstorben war und betrauert wurde. Wie ist das heute? Nach einer Emnid-Umfrage des Kuratoriums Deutsche Bestattungskultur e.V. aus dem Jahr 2008 sind nur noch die Hälfte der Befragten bereit, bei einer Bestattung Schwarz zu tragen. Man kann nun fragen, ob das Glas halb voll oder halb leer ist. Tatsache ist, unsere individualisierte Gesellschaft geht anders mit der Kleiderordnung bei einem Trauerfall um als in der Vergangenheit.

Im Internet findet man Foren, ob man überhaupt noch Schwarz tragen muss. Aber man findet auch Informationen darüber, warum eigentlich Schwarz getragen wird bzw. wurde. In den vergangenen Jahrhunderten haben Riten unsere Gesellschaft geprägt. Heute findet man diese Riten höchstens noch in den ländlichen Räumen dieser Republik, bei Staatsbegräbnissen oder wenn weltweit bekannte Persönlichkeiten zur letzten Ruhe gebettet werden wie Lady Diana oder bekannte Sportler. Zu der Zeit, als um den Fußballprofi Robert Enke getrauert wurde, trug die gesamte Bundesliga ein schwarzes Armband. Ein Relikt aus alten Zeiten, das noch rudimentär in unserer Gesellschaft verankert ist. „Trauerkleidung – ein aussterbendes Phänomen?“ lautet der Titel einer Hausarbeit von Matthias Meyer im Fach Europäische Ethnologie. Im Fazit heißt es:

„Anhand der Entwicklung in den letzten einhundert Jahren aber und den Ergebnissen von Umfragen unter jüngeren Menschen, lässt sich sicherlich sagen, dass es eher zu einer Abnahme der sichtbaren Trauer kommen wird. Die Schnelllebigkeit der heutigen Gesellschaft lässt es gegenwärtig kaum noch zu, dass man allzu lange öffentlich trauert, jedenfalls nicht, sofern man in der in Deutschland hauptsächlich von Dienstleistungen abhängigen Volkswirtschaft tätig ist; in absehbarer Zukunft wird sich dies sicher nicht mehr ändern.“

Ich habe mir mal die Mühe gemacht und mit einigen alteingesessenen, inhabergeführten mittelständischen Modehäusern gesprochen. Um 1900 war das Angebot an Trauerkleidung groß. Heute führt nahezu kein Modehaus mehr klassische Trauerkleidung. Auf Nachfrage bei der Modeindustrie zeigte man sich eher belustigt. An das Thema würde sich niemand ranwagen, schließlich ginge es darum, kommerzielle Mode zu produzieren. Interessant sei das Thema schon, da man sich eine hohe Aufmerksamkeit bei der Presse vorstellen könne. Die Presse war jedenfalls da, als der junge Modedesigner Alexander McQueen tot aufgefunden wurde – Selbstmord. „Wenn Models Trauer tragen“ titelte die Süddeutsche Zeitung. Also doch Trauerkleidung, gar Trauermode? Wohl eher nicht, in den Zeiten des allgemeinen Kommerzes geht es doch eher um andere Prioritäten.

Wer weiß schon, was die Zukunft bringt, schließlich sind Karstadt, Kaufhof und Quelle auch schwer angeschlagen, bzw. bereits ausgezählt und in 100 Jahren wird jemand einen Kommentar darüber schreiben, wie es einmal war, als es überhaupt noch Kaufhäuser gab.

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