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Wann wird Trauer zur Depression?

11.04.2012
"Im Normalfall bedarf Trauer keiner klinischen Intervention"
Wann wird Trauer zur Depression?

Laien können Symptome von Trauer und Depressionen auf den ersten Blick schwer unterscheiden. Doch auch Fachleute diskutieren, ob und wann nach einem Trauerfall eine Depression diagnostiziert werden kann. Einfluss hat das unter anderem auf Kataloge, nach denen Krankheiten klassifiziert werden. Sind Trauernde also krank?

„Im Normalfall bedarf Trauer keiner klinischen Intervention“, weiß die Diplompsychologin Hildegard Willmann. Als Redakteurin ist sie am Newsletter-Projekt „Trauerforschung im Fokus“ beteiligt, das von der Verbraucherinitiative Aeternitas gefördert wird. Zwar ist der Tod eines Angehörigen fast immer ein belastendes Ereignis, welches intensive und schmerzhafte Reaktionen hervorruft. Doch meistens werden danach erfolgreich Bewältigungsprozesse in Gang gesetzt, die zu einem neuen seelischen Gleichgewicht führen. Einige der Betroffenen entwickeln jedoch so schwerwiegende und anhaltende psychische Probleme, dass diese sorgfältig diagnostiziert und entsprechend behandelt werden müssen.

Ab wann normale Trauer zur psychischen Erkrankung wird, darüber diskutieren derzeit amerikanische Experten im Hinblick auf die für 2013 geplante Neuausgabe des DSM („Diagnostic and Statistical Manual of Mental Disorders“). Beim DSM handelt es sich um ein 1952 zum ersten Mal von der amerikanischen Psychiater-Vereinigung APA herausgegebenes Klassifikationssystem für Krankheiten. Damit sollen Diagnosen reproduzierbar sein und Diagnose und Heilung erleichtert werden. Kliniken und Versicherungsgesellschaften berufen sich darauf. Das DSM legt damit fest, „wann das Normalsein aufhört und wann die Krankheit beginnt“, wie es Spiegel Online kürzlich beschrieben hat.

Bisher durfte nach dem geltenden DSM-4 in einem Trauerfall eine Depression erst dann diagnostiziert werden, wenn die Symptome länger als zwei Monate anhielten. Diese „Trauer-Ausschluss-Klausel“ soll in der neuen Ausgabe DSM-5 gestrichen werden. Bei Trauernden könnte dann schon kurz nach dem Todesfall eine Depression diagnostiziert werden. Eine weitere Diskussion betrifft die Aufnahme von „Komplizierter Trauer“ in das DSM-5 als eigenständige psychische Störung. Kritiker dieser Änderungen sehen dabei die Gefahr der Pathologisierung und Medikalisierung von Trauer – dass Trauernde also unnötigerweise als krank eingestuft und mit Medikamenten behandelt werden.

Befürworter hingegen weisen darauf hin, dass es im zweiten großen Diagnosekatalog, dem internationalen Klassifikationssystem der Weltgesundheitsorganisation der Vereinten Nationen („International Statistical Classification of Diseases and Related Health Problems“, ICD-10) noch nie eine Trauer-Ausschluss-Klausel gegeben habe. Dennoch habe dies nicht zur befürchteten Pathologisierung trauernder Menschen geführt. Zwischen „normaler“ Trauer oder einer Depression sei gut zu unterscheiden. Auch könnten in der Praxis nicht alle Probleme der Psychiatrie über Diagnosekataloge entschieden werden. Hildegard Willmann bekräftigt dies: „Entscheidend ist, dass Fachkräfte, wie zum Beispiel Hausärzte, die Unterscheidungsmerkmale kennen und genau hinhören, bevor sie vorschnell eine Diagnose vergeben oder aber eine behandlungsbedürftige Störung übersehen.“

Der Newsletter „Trauerforschung im Fokus“ greift in seiner heute erscheinenden Ausgabe die Diskussion auf. Einer der Beiträge trägt den Titel „Komplizierte Trauer und damit verbundene Fragen im Hinblick auf DSM-5“ und fasst den Aufsatz mehrerer amerikanischer Forscher zum Thema zusammen. Weitere Beiträge verweisen auf andere aktuelle Themen aus der internationalen Trauerforschung. Den Newsletter können Interessierte unter www.trauerforschung.de kostenfrei abonnieren. Ein Archiv stellt sämtliche bereits erschienen Newsletter zur Verfügung.

 

Informationen:

Aeternitas e.V. – Verbraucherinitiative Bestattungskultur
Alexander Helbach

Dollendorfer Straße 72, 53639 Königswinter
Telefon: 0 22 44 / 92 53 85, Fax: 0 22 44 / 92 53 88
E-Mail: alexander.helbach@aeternitas.de
www.twitter.com/Aeternitas_eV

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