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„Was du mich tun lässt, begreife ich.“ – Abschied gestalten, Trauer Form und Ausdruck geben (Teil I)

14.05.2014
Ein Blogbeitrag von Barbara Rolf
„Was du mich tun lässt, begreife ich.“ – Abschied gestalten, Trauer Form und Ausdruck geben (Teil I)
Fotos: Barbara Rolf

Vergangene Woche flogen wir (Susanne Schweitzer und ich) nach Bremen.

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Grund der Reise war die Messe „Leben und Tod“, die wir besuchen wollten und für die wir auch als Referentinnen angefragt worden waren.

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Ich habe gerne zugesagt, weil ich es sehr schön finde, wenn Veranstaltungen zu unserem Thema mal nicht im Herbst, sondern im Frühjahr stattfinden. Warum immer dann vom Tod sprechen, wenn es draußen dunkel ist, kalt und unwirtlich? Ich spreche lieber bei Helligkeit von Sterben, Tod und Abschied, wenn die Sonne scheint und die Blumen blühen.

Auch das Konzept der Messe spricht uns an, die Mischung aus Fachkongress und offener Veranstaltung für alle, die sich damit auseinandersetzen möchten; die frische, lebendige, teils auch mutige Aufmachung; die bunte Mischung der Themen, Aussteller und Vorträge. Bestattung ist hier eingebunden in einen größeren Kontext, kein Randthema, sondern eines, das so viele (oder vielleicht sogar alle?) Lebensbereiche berührt.

Unsere Beiträge:

1. Vortrag „Was du mich tun lässt, begreife ich.“ – Abschied gestalten, Trauer Form und Ausdruck geben

2. Workshop Bunte Särge, kraftvolle Trauer, lebendige Erinnerung – Möglichkeiten der Gestaltung und Wege der Bewältigung, wenn Menschen sterben

Der mehrfach geäußerten Bitte, den Vortragstext zugänglich zu machen, will ich nachkommen, indem ich ihn hier veröffentliche – in zwei/drei Portionen.

Vortrag

Vorbemerkungen

Ich möchte mit ein paar Vorbemerkungen beginnen, die ich für grundlegend und wichtig halte.

1. Der Leichnam eines verstorbenen Menschen gehört den Angehörigen. Es würde so Vieles anders laufen, wenn wir alle zumindest das verinnerlichen würden. Der Leichnam gehört nicht dem Bestatter, nicht dem Friedhofsamt und nicht der Religionsgemeinschaft.

2. Verstorbene Menschen sind nicht „giftig“, in recht seltenen Fällen sind sie infektiös. Man muss Trauernde nicht daran hindern, Verstorbene zu berühren, zu streicheln oder zu küssen, wenn sie das Bedürfnis haben, es zu tun.

3. Einen verstorbenen Menschen nochmals zu sehen, ist nur in ganz wenigen Fällen überhaupt nicht mehr möglich. Ich hatte in all den Jahren vielleicht 5 Situationen, in denen gar nichts mehr zu machen war. In aller Regel kann eine Aufbahrung stattfinden, auch dann, wenn die Todesumstände den Leichnam stark verändert haben. Es geht hier nicht in erster Linie um ein ästhetisches Ereignis, sondern um Begreifen, um Beziehung, um Abschied, um Liebe oder Versöhnung. Es ist schockierend, wie viele Särge geschlossen bleiben, obwohl Angehörige den Wunsch geäußert haben, den Verstorbenen nochmals zu sehen. Abgesehen davon, dass wir es ihnen gar nicht verbieten dürfen (siehe Bemerkung 1), ist es für die Bilder, die sie weitertragen, eher abträglich. Denn die Bilder, die dann in unserer Phantasie entstehen, sind allermeist viel schlimmer als die Wirklichkeit.

4. Wir haben Zeit und sollten sie uns unbedingt auch nehmen. Hast und Eile ist der äußeren wie innerlichen Bewältigung eines Trauerfalls abträglich.

5. Es ist wichtig, Kinder (auch ganz kleine) und Jugendliche als Trauernde wahrzunehmen, ernstzunehmen und soweit einzubeziehen, wie sie einbezogen werden möchten. Immer noch werden sie häufig gegen ihren Wunsch und Willen vom Leichnam, von Trauerfeiern und dem ganzen damit verbundenen Geschehen fernhalten.

6. Es gibt Grenzen, die durch gesetzliche Regelungen, natürliche Prozesse, finanziellen Spielraum oder andere Faktoren gesetzt sind. Aber innerhalb dieser Grenzen ist unendlich viel möglich. Kaum ein Wunsch, der unerfüllt bleiben muss oder auf den wir nicht zumindest mit einem Kompromiss eingehen können. Wenn Sie ein „Nein“ hören, oder „geht nicht“ oder „das macht man hier anders“, hinterfragen Sie das und lassen Sie sich nicht gleich abwimmeln.

Bunter Sarg

Und wofür soll das gut sein?

Ich möchte in diesem Referat davon erzählen, an welchen Stellen und wie Abschied gestaltet werden kann, wo sich Trauernde einbringen können. Was aber ist der Sinn davon, etwas selbst zu machen, mitzumachen, Wege mitzugehen? Ist es nicht viel einfacher, alles in die Hände von Profis zu legen, sich nicht damit zu belasten und seine Kräfte zu schonen?

1. Es geht darum, zu begreifen, mit den eigenen Sinnen wahrzunehmen, was geschehen ist und was da gerade passiert. „Was du mir sagst, das vergesse ich. Was du mir zeigst, daran erinnere ich mich. Was du mich tun lässt, das verstehe ich.“ (Weisheit aus China)

2. Dinge, die wir selbst tun, die wir selbst gestalten, die uns mit dem Geschehenen in Berührung bringen, uns verarbeiten lassen, was wir erlebt haben, denken und fühlen, sind Trittsteine, Stufen auf dem Trauerweg. Je mehr Stationen Angehörige miterleben können, umso kleiner sind die Schritte, die sie machen müssen. Dinge, die schlecht laufen, werden hingegen zu Stolpersteinen und Hürden auf dem ohnehin schweren Weg der Trauer. Eine Bekannte erzählte mir einst, dass sie ihren Bruder das letzte Mal lebend, kraftvoll und heiter sah. Dann starb er plötzlich in Berlin, wurde sofort zum Krematorium gebracht, seine Urne mit der Post an das Friedhofsamt der Heimatgemeinde geschickt, und dann war die Trauerfeier. Sie kann heute, Jahre später, noch nicht glauben, dass er tot ist, dreht sich gedanklich und emotional im Kreis und wird nun Hilfe in Anspruch nehmen.

3. Worte zu finden, sich miteinander auszutauschen, seine Gefühle und Gedanken mitzuteilen fällt vielen Menschen schwer. Wenn wir etwas gemeinsam tun, können wir darüber miteinander ins Gespräch, in Kontakt und Austausch kommen.

4. Wenn ich einen lieben Verstorbenen sehe, wenn ich ihn mitversorge und in den Sarg lege, kann ich mich vergewissern, dass wahr ist, was man mir sagte, dass es stimmt, dass er tot ist und dass alles, was wir mit dem Bestattungsunternehmen besprochen und vereinbart haben, entsprechend umgesetzt wird.

5. Wenn Angehörige sehen können, wie der Körper eines verstorbenen Menschen zum Leichnam wird, zur „Hülle“, wenn sie die natürlichen Veränderungen sehen und sein Weggehen spüren, wird es ihnen helfen, ihn zur Bestattung oder Einäscherung freizugeben.

6. Das Handeln am oder für den Toten ist ein Liebesdienst, den viele Angehörige gerne selbst tun möchten, wenn sie dazu eingeladen und dabei unterstützt werden. Es tut gut, noch etwas für den geliebten Menschen machen zu können. Als ich vor einigen Jahren zusammen mit 14jährigen Zwillingen ihren früh verstorbenen Vater einkleidete und einbettete, sagte sein Sohn: „Wenn der Papa alt und pflegebedürftig geworden wäre, hätten wir ihn ja auch gewaschen und umgezogen. Jetzt müssen wir’s halt heute schon machen.“

7. Es klingt heute in vielen Ohren merkwürdig, aber das Versorgen des Verstorbenen und die Vorbereitung seiner Bestattung sind von alters her heilige Handlungen. Es ist einfach gut, sich zu überlegen, in wessen Händen diese liegen sollen, wer sie vollziehen soll und wie/wo man einbezogen sein möchte.

8. Aus der Mitarbeit beim Einkleiden, Einbetten, bei der Sargschließung, beim Tragen von Sarg oder Urne, bei Grablegung oder beim Schließen des Grabes können Rituale der Einwilligung werden. Es fällt mir zwar schwer und es tut unendlich weh, aber ich nehme an, was ist.

9. Bei totgeborenen Kindern ist die Zeit bis zur Bestattung die einzige Zeit mit dem leiblich anwesenden Kind und daher besonders wichtig und kostbar. Bei schwer kranken Kindern ist es vielleicht die einzige Zeit mit dem Kind ohne Schläuche, Kabel und Geräte.

10. Wenn Angehörige in die Bestattungsarbeit einbezogen werden, haben sie die Chance, sich nicht nur als Ohnmächtige, als Spielbälle des Schicksals zu erleben, sondern dürfen die Erfahrung machen, dass sie nach wie vor handeln, entscheiden, Akzente setzen können. Sie können erleben, dass sie trotz des Schocks und des Schmerzes noch am Leben sind. Vielleicht können sie sogar erleben, dass ihnen etwas Spaß und Freude macht. Sie erfahren Lob und Anerkennung, können stolz sein auf sich, auf das, was sie geschafft haben. Wir Menschen brauchen Erfolgserlebnisse, und wir sehnen uns nach Anerkennung. Das ist beim trauernden Menschen nicht anders. Im Gegenteil. „Ich traue mich das kaum zu sagen, aber das war jetzt richtig schön.“, sagte ein Vater, nachdem wir seinen verunglückten Sohn gemeinsam versorgt und in den von der Familie gestalteten Sarg gebettet hatten. Und eine Mutter staunte über sich selbst: „Ich bin im Bestattungsinstitut, muss meine überfahrene Tochter beerdigen und fühle mich wohl. Das darf ich keinem erzählen, glaube ich.“ Und die Witwe eines plötzlich verstorbenen Mannes, schrieb: „Nach den Stunden bei Ihnen habe ich seit Tagen das erste Mal wieder geschlafen.“

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14 Kommentare
  1. Maria sagt:

    Wunderbar geschrieben. Darum geht´s. Habe selbst jahrelang als Bestatterin gearbeitet und hätte es nicht besser beschreiben können. DANKE.

  2. Das ist ein so guter Leitfaden – vom Gefühl zur Praxis- für den Eintritt von Verlust und Trauer um einen Menschen.

  3. Froehlich. Gaby sagt:

    Decke, Blumen und Kopfkissen im Sarg geben ein Gefühl liebender umsorge , das Bild prägt sich ein und tut gut, auch mitten im leben.
    Liebe Grüße
    Gaby fröhlich

  4. Nicole Vetter sagt:

    Toller Artikel ach was schreib ich einfach nur genial.

    Ich habe als Pflegefachkraft viel mit Toten zu tun und hab viele Jahre in der Palliativpflege gearbeitet – ich durfte viele Abschiednahmen begleiten und die schönsten waren wenn Angehörige noch beim verstorben im Zimmer eine Mahlzeit eingenommen haben oder eine Tochter die auch nach einer Stunde ihre Tote Mutter im Arm hielt.

    Ich selber musste vor 2 Jahren meine Mum gehen lassen und hatte wirklich eine tolle Bestatterin die uns abried meine Mum aufzubahren, da einfach sie zu sehr krank war und sich innerhalb von 24 Stunden so stark veränderte das sie der Meinung war das es besser wäre für uns ( du hast vieles gesehen aber diesen Anblick möchte ich dir nicht zu muten) sie hatte recht, ich bereue es keinen Tag sie nicht im Sarg gesehen zu haben, weil ich meiner Bestatterin voll und ganz vertraut habe.

    Auch beim Tod meiner Tochter lies sie uns Mitarbeiten, Urne bzw aschgefäß selbst besorgen, das Holzkreuz in bunter Schrift machte sie machte sie möglich.

  5. Danke, Barbara, dass du für unsere wichtige Arbeit so tolle Worte gefunden hast!

  6. ursula Kanther sagt:

    es ist das Schwerste die richtigen Worte zu finden und Barbara hat sie gefunden… Danke Dir dafür

  7. Doreen Peter sagt:

    Für mich war der wichtigste Satz, “ der Leichnam gehört niemanden sonst als den Angehörigen“.
    Und wir Bestatter haben die Pflicht den Hinterbliebenen Zeit, Raum und Möglichkeit zu geben, um alles was Sie noch mit ihrem geliebten Menschen über der Erde gemeinsam erleben, fühlen dürfen auch zu tun.
    Ihnen die Angst davor zu nehmen, sie zu bestärken, bewusst Abschied zu nehmen, mitzuwirken, es die schmerzvollste aber dennoch hilfreichste Art die Trauer bewusst zu erleben und nicht krank aus ihr hervorzugehen.

  8. Danke, wieder ein sehr guter Beitrag von Barbara Rolf! Ich freue mich schon auf die Folgenden.
    Den gesamten Abschied als „Heilige Handlung“ zu betrachten ist ein wichtiger Aspekt, der leider in unserer beschleunigten und effizienzorientierten Zeit an Bedeutung verloren hat. Es ist wichtig ein großes Zeitpolster zu haben, um Angehörigen in ihren Ideen und Vorhaben, auf die sie erst im Prozess kommen, zu begleiten und zu unterstützen.
    Bestattern, Pfarrern, Trauerrednern und Trauerbegleitern wäre es zu wünschen, dass sie sich über die gesellschaftlichen „Scheren im Kopf“ hinwegsetzen und das tun was ihr Auftrag ist – vorbehaltlos den Angehörigen zuzuarbeiten. Sie allein sind die Adressaten, sie müssen mit dem Verlust leben. Wenn diese „Heiligen Handlungen“ gelingen, kann Heilung stattfinden.

  9. Danke für diesen so wichtigen Artikel. Er wird mir auf jeden Fall in Erinnerung bleiben und mich den nächsten Abschied sicher mutiger und offensiver gestalten lassen.

  10. Schön, dass Sie auf der Messe in Bremen dabei waren!

    Die Verabschiedung ist ein zu wichtiges Thema. Gut, dass wir (endlich) darüber und dafür sorgen, dass sie gut wird!

    http://todeineskindes.blogspot.de/

  11. sorry .. kleine Korrektur ….

    Schön, dass Sie auf der Messe in Bremen dabei waren!

    Die Verabschiedung ist ein zu wichtiges Thema. Gut, dass wir (endlich) darüber sprechen und dafür sorgen, dass sie gut wird!

    http://todeineskindes.blogspot.de/

  12. Diana sagt:

    Das sind wahre Worte, die den Hinterbliebenen Kraft geben, den letzten Weg mit ihren verstorbenen zu gehen. Ich habe meinen Mann, 46 Jahre, auch bis zum letzten Tag begleitet und mir war es auch wichtig, so viel Zeit wie mir möglich mit meinem verstorbenen Mann zu verbringen. Auch meine Kinder, 7 und 8 Jahre, haben auf diese Weise Abschied nehmen können.
    Vielen Dank und weiter so!

  13. Anna sagt:

    schöner Beitrag, den ich leider erst heute gefunden und gelesen habe.
    Ich kann es nur bekräftigen, wie wichtig der letzte Abschied ist, ihn selber zu gestalten.
    Anfang des Jahres habe ich meine jüngere Schwester durch einen Autounfall verloren.
    Gemeinsam mit dem Bestatter durfte ich sie waschen, ihr das Totenhemd anziehen, sie einbetten, zudecken, die Hände falten. Auch die Haare ab ich ihr gemacht, das Gesicht gepudert.
    Handlungen, ein letzter Liebesdienst nicht durch die Hände Fremder sondern nahestehender Menschen.
    Meine Schwester hätte es nicht anders haben wollen und mir hat es geholfen, den verlust zu begreifen… los zulassen.

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