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Wenn plötzlich alles ganz anders ist

18.11.2011
Dr. Kerstin Gernig moderiert Podiumsdiskussion in Berlin
Wenn plötzlich alles ganz anders ist
v.l.n.r. Anja Sommer, Maureen Grimm, Dr. Kerstin Gernig, Marion Waade, Beate Violet

Der Geschäftsführer Carsten Pohle begrüßte am 10. November gut 50 Zuhörer in dem Institut Otto Berg Bestattungen in Berlin. Das Thema war nicht einfach gewählt – das ist es nie, wenn es um Sterben und Tod geht. So lautete der Titel der Podiumsdiskussion: „Wenn plötzlich alles ganz anders ist.“ Kernpunkt des Abends war das aktuelle Buch „Still geboren“ (Panama Verlag) von Maureen Grimm und Anja Sommer. Beide schreiben über die Erfahrungen, die Eltern in unserer Gesellschaft mit dem Verlust eines Kindes während der Schwangerschaft, bei der Geburt oder kurz darauf machen. Weitere Diskussionsteilnehmer waren Marion Waade, Vorstandsvorsitzende der Hilfsorganisation für Angehörige von Mord-, Tötungs-, Suizid- und Vermisstenfällen ANUAS e.V. sowie die Pfarrerin und Seelsorgerin Beate Violet. Die Leitung der Podiumsdiskussion hatte die Kulturwissenschaftlerin und ehemalige Geschäftsführerin des Kuratoriums Deutsche Bestattungskultur Dr. Kerstin Gernig.

Über das Sterben und den Tod von Kindern zu sprechen, ist keine einfache Angelegenheit. Doch Dr. Kerstin Gernig hatte keine Mühe bei der Moderation mit dem schwierigen Thema. Professionell, gut informiert und mit Feingefühl führte sie durch den Abend und bezog das interessierte und überaus fachkundige Publikum geschickt mit ein.

Die Diskutanten waren sich einig, dass es für einen Trauerprozess überaus wichtig ist, dass die Mutter oder beide Elternteile das totgeborene Kind zu sehen bekommen. Man sprach in diesem Zusammenhang auch von einem  physischen „Ergreifen“ der Situation, um diese auch zu begreifen. Dabei wurde die tägliche Praxis kritisiert, den Eltern ein Polaroidbild des Kindes zu übergeben. Dieses Foto entspricht optisch überhaupt nicht mehr der Realität und dem letzten Bild, das man von seinem toten Kind hat. Hier sollten die Krankenhäuser sich die technische Entwicklung und entschiedene Verbesserung der fotografischen Möglichkeiten zunutze machen. Auch war man sich einig, dass in vielen Kliniken eine positive Entwicklung festzustellen sei, wenn es um „stille Geburten“ geht. Die Möglichkeit, sein Kind noch einmal zu sehen, zu berühren, Abschied zu nehmen wird in der Praxis durchaus vermehrt angeboten. Auch Gegenstände, die mit dem früh verstorbenen Kind zu tun haben, wie Fußabdrücke, das Namensbändchen, sind für die Trauerarbeit überaus wichtig, genauso wie Orte, die daheim eigens dafür geschaffen werden sollten. Ein Kinderarzt aus dem Publikum hatte aber auch mahnende Worte. Ein Kind mit knapp 1.000 Gramm oder weit darunter entspricht optisch oftmals nicht den gängigen Erwartungshaltungen der Eltern und kann somit auch verstörende Folgen haben, da das Gesehene schwer zu verarbeiten ist.

Das Auseinandersetzen mit dem Thema ist eine Gratwanderung und es wurde deutlich, dass noch viel Aufklärungsarbeit nötig ist. Der Abend hat seinen Teil dazu beigetragen und die angeregt geführten Diskussionen haben gezeigt, dass der Wunsch darüber zu sprechen besteht. Die Situation aller Menschen, die mit der Thematik in Berührung kommen, seien es Hebammen, Krankenschwestern, Ärzte, Seelsorger oder letztendlich natürlich die betroffenen Eltern selbst, kann durch ehrliche Erkenntnisse und Erfahrungen nur verbessert werden.

 

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5 Kommentare
  1. Marion Waade sagt:

    …. ja, es ist noch sehr viel Aufklärung notwendig… auch die Menschen, die ein Kind durch einen Mord verloren haben leiden massiv. Oft werden diese Fälle, vorallem, wenn sie sich im Ausland zugetragen haben, garnicht aufgeklärt — der Leichnam des Kindes wird beerdigt, ohne Erlaubnis der Angehörigen/Eltern – die Angehörigen bekommen den Leichnam ihres Kindes nicht nach Deutschland und haben keine Ort zum Trauern — hier werden spezielle Trauerrituale entwickelt …
    Tod und Trauer ist immer noch ein Thema, welches weggeschoben wird … „Gott sei Dank hat es mich nicht getroffen“ … aber, es kann jeden treffen.

  2. Sicherlich wird das Thema Tod und Trauer immer noch von vielen weggeschoben, verdrängt. Ich bin aber der Meinung, dass in den letzten Jahren immer mehr darüber gesprochen wird. (Falsche) Tabus fallen. Der Weg zu mehr Offenheit – die ja jedem Menschen nur nutzen kann – ist steinig, aber zu bewältigen.

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